Das läuft alles ab wie im Kino: Am Tag der Einweihung einer
Autostraße, die die drei wichtigsten Siedlungsgebiete einer
Mittelmeerinsel miteinander verbinden soll, gerät der Bauingenieur
Julian Rebstein im Sog turbulenter Ereignisse an die Seite des ebenso
rücksichtslosen wie sentimentalen Reeders Eusebius, einer äußerst
zwielichtigen Figur. Er erlebt, wie sein Lebenswerk zerstört wird und
ihn eine lasziv zu nennende Kulissenwelt immer mehr gefangennimmt. In
einem Zustand an der Grenze zwischen Traum und überwacher Klarheit
registriert er, wie Unwahrscheinliches geschieht, während auf seinem
Reißbrett ein alles verschlingender steinerner Irrgarten Konturen
annimmt.
"Mein liebes spätes Söhnchen, baue, baue, baue...", beschwört ihn die
ältliche Tante, Lenchen, und sie weist ihn hin auf das geheimnisvolle
Grau der Katze des Hyacinthe Rigaud. In ihren mineralogischen Sammlungen
knien die Danaiden noch jeden Tag auf ihrem Büßerstein, die Prozesse
dauern an.
Rebstein wird belehrt: "Die Dinge, die wir zum Leben zwangen, schlagen
zurück. Haben wir sie überreden können, Wirkung auszuüben, dann können
wir sie nicht überreden, auf uns selbst keinen Einfluss zu haben." Doch
er erlebt auch: Was als Erscheinung austauschbar wirkte, zeigt sich in
seinem Wesen als unverwechselbar. Die Liebe weist Rebstein in letzter
Minute einen Ausweg, einen Weg aus dem Labyrinth.
Heinz Zander schrieb einen Parabelroman großen Anspruchs, ein
üppigphantastisches Geweb von Gegenwärtigem und Vergangenen, dem der
Mythos von Ariadne und Theseus als doppelter Boden zu Grunde liegt.
Parabelromane gäbe es nicht, meinte meine Deutschlehrerin damals im Unterricht. Es ging um die Aufgabe, Literatur einzuordnen, und ich hatte mich gegen die Zuschreibung gewehrt, dass Parabeln zwangsläufig kurz seien. Wie müsste man dann die Romane von Kafka, obgleich unbeendet, einordnen? Mein erstes Gegenbeispiel stammte jedoch nicht von Kafka, sondern von Heinz Zander: "Das sanfte Labyrinth". Ein durchkonzipiertes Werk, das absurde Situationen und Doppeldeutigkeiten aneinander reiht. Nichts scheint real, die Personen wirken - trotz menschlicher Gestalt - wie Fabelwesen. Mich fasziniert dieses Buch noch heute, obwohl es keine Weltliteratur ist und kaum jemand Heinz Zander als Autor kennt. Später erfuhr ich von meinem Kunstlehrer, dass Zander eher ein Illustrator sei.
Ich selbst stieß nur durch Zufall auf ihn und dieses Buch, und zwar in einer Mülltonne. In Schafstädt bei meiner Oma war offenbar jemand in der Nachbarschaft gestorben, die Verwandtschaft wusste nicht, wohin mit den Büchern, und warf sie alle weg. Dort entdeckten meine Schwester und ich sie im Vorbeigehen. Ich stieg sogar in die Altpapiertonne hinein, um so viele Bücher wie möglich zu retten. Und darunter befand sich der Parabelroman von Heinz Zander.
Der Klappentext klang ungewöhnlich. Was war das für eine Handlung? Ich fing die ersten knapp 100 Seiten zu lesen an und hatte das Gefühl, nichts zu verstehen. Bis ich mir bewusst machte, dass es sich eben um einen Parabelroman handelte. Abgesehen von Kafka hatte ich damals kaum etwas in der Richtung gelesen, aber ein Faible für das Verwischen der Grenzen von Realität hatte ich damals bereits entwickelt. Vielleicht liegt es an Büchern wie diesem von Zander, dass es mir nicht so wichtig ist, wohin mich eine Handlung führt und ob ich ihr immer folgen kann. Nicht einmal die Identifikation mit den Charakteren ist mir wichtig. Es ist eher das Unwirkliche und Absonderliche, das mich an Büchern fesselt. Wenn sie nicht einfach erschließbar sind. Wenn sie mehr zu sagen scheinen, als das bloße Wort vermittelt.
Während des Lesens verlor ich mich in diesem merkwürdigen Labyrinth. Im Nachhinein kann ich nicht sagen, was mich daran so fesselte, doch einmal hineingeraten, fand ich den Weg nicht mehr heraus. Dieses Labyrinth hatte eine betörende, ja sanfte Art, den Leser gefangen zu nehmen.
Bis zum 28. 10. 2018 findet auf Schloss Augustusburg noch
die Sonderausstellung MangaMania statt, die sich dem Thema Manga und
Anime widmet, aber auch Cosplay, Vocaloid, Videospiele und alles
behandelt, was den vermeintlichen "Otaku" an der japanischen
Jugendkultur so fesselt.
Ich habe die Ausstellung im letzten Jahr
besucht und ging davon aus, sie sei schon längst beendet. Allerdings
wurde sie aufgrund guter Resonanz bis zum Ende dieses Monats verlängert.
Im Folgenden werde ich einige Informationen bündeln und mich aus
persönlicher Sicht dazu äußern. Vielleicht sind ein paar Leute, die
bislang noch nicht davon gehört haben, an einem Besuch interessiert,
bevor die Ausstellung ihre Pforten schließt.
Sonderausstellung MANGAMANIA 13. April 2017 bis 28. Oktober 2018
Schloss 1, 09573 Augustusburg (bei Chemnitz)
Öffnungszeiten
April bis Oktober:
täglich 9:30 Uhr - 18:00 Uhr
MANGA-Mittwoch
Jeden Mittwoch erhalten alle Besucher ermäßigten Eintritt in die Sonderausstellung
FAN-TICKET: 13,00 €
Eintritt inkl. original japanischer Limonade und einer Überraschungs-Manga-Mystery-Figur
COSPLAY-TICKET: 5,00 €
Alle Cosplayer kommen zum Spezialpreis in die Sonderausstellung
Was wird geboten?
Positives und Negatives
Zuerst
einmal bin ich immer positiv überrascht, wenn solch einem Thema wie der
Mangaszene ein seriöser Rahmen gegeben wird. Eine derartige Ausstellung
erwartet man vielleicht in Großstädten, wo viel junges Publikum
vorhanden ist und ohnehin schon ein Bezug zur japanischen Kultur
besteht, wie etwa in Düsseldorf. Man erwartet es wahrscheinlich weniger
in den Gewölben eines Schlosses in relativ dünn besiedeltem Gebiet. Ich
zolle daher den Initiatoren meinen Respekt, dass sie sich hierfür
entschieden haben und das noch immer vorurteilsbelastete Thema auf
vielschichtige Weise zu behandeln versuchten.
Gleich zu Beginn
geben sie Cosplayern die Chance, vergünstigten Eintritt zu zahlen.
Übrigens ist die Handhabe hier sehr kulant. Ich zum Beispiel bekam
ebenfalls ein Cosplay-Ticket, obwohl ich gar kein Cosplay anhatte und
bloß etwas ausgefallener gekleidet war.
Geordnet ist die
Ausstellung in der ersten Hälfte relativ chronologisch. Man nähert sich
dem Thema auf historische Weise. Erfunden haben Japaner den Comic
natürlich nicht, aber ihre eigene Interpretation des Mediums wird in der
Ausstellung bereits mit der Entwicklung des Farbholzschnitts während
der Edo-Zeit (1603 - 1868) aufgegriffen. Auch Genre-Unterschiede und
deren Vorreiter werden angeschnitten, wie etwa die Entstehung des
Shojo-Mangas mit den klassischen großen Augen. Hier trifft man
sogar auf BL-Magazine, wobei diese allerdings nicht näher erklärt
werden. Dieser erste Teil ist
eher informativ als interaktiv. Einige Texte, einige Bilder in recht
leeren Räumen. Natürlich bliebe die Frage, wie man es anders hätte
machen sollen, wenn es nun mal um Text und Bild geht.
Die chronologische Herangehensweise fand ich in den Grundzügen
sehr gut und hätte ich genauso vorgenommen. Aber mir war das in den
Räumen etwas zu wenig. Verschiedene Strömungen der gesamten Entwicklung
wurden zu sehr vereinfacht oder komplett weggelassen. Die Gewichtung
einzelner Punkte hätte ich teilweise anders vorgenommen und zudem ein
paar bekanntere Künstler gewählt. Anstatt sich auf die historische
Darstellung zu beschränken, stößt man immer wieder auf meines Erachtens
unwichtige Künstler, von deren Serien die Handlung kurz zusammengefasst
wird. Würde es sich um wirklich bedeutende Manga handeln, die das
gesamte Medium prägten, hätte ich nichts dagegen. Beispielsweise hat man
gut den Einfluss von Osamu Tezuka herausgearbeitet. Doch auf einige
Mangaka und Serien hätte man schlichtweg verzichten sollen, weil sie
keine Rolle spielen. Mir jedenfalls sagten die überhaupt nichts und ich
möchte behaupten, dass ich mich auf dem Gebiet recht gut auskenne.
Ein
bisschen ungünstig ist die Einbeziehung vom deutschen Manga, wie ich
finde. Man hat sich hier fast ausschließlich auf eine einzelne
Zeichnerin beschränkt. (Leider erinnere ich mich nicht mehr daran,
welche deutsche Künstlerin genau das war, aber das ist vielleicht auch
gut so, da ich hier nur eine allgemeine Kritik formulieren möchte.) Das
fiel nach meinem Geschmack etwas aus der Ordnung, weil es nicht in die
Chronologie passte. Außerdem hat diese besagte deutsche Künstlerin ihre
Originalwerke für die Ausstellung zur Verfügung gestellt; sie waren
dementsprechend überall, mal hier, mal dort, zu finden. Sicherlich
steckte dahinter keine Absicht, aber es war inkonsistent platziert und
wirkte auf mich wie Werbung. Das hätte ich anders eingebunden. Ein Raum
zu Beginn war ohnehin fast ausschließlich dieser deutschen Künstlerin
gewidmet, darum hätte ich diesen Raum ans Ende der Chronologie gesetzt
und einen Blick über den Tellerrand gewährt.
Zum Beispiel: Eine kurze
Darstellung zum Comic an sich mit den französischen Vorreitern, dann
die Übernahme und Entwicklung in den USA. Hier hätte man kurz den Comics
Code und die Zensur aufgreifen können, um zu erklären, warum
amerikanische Comics eher an Kinder gerichtet sind und sich meist um
Superhelden drehen. Ein knapper Schwenk auf Disney und auf die andere
Seite zur Satire des MAD Magazin. Natürlich geht es um Manga, aber was
den japanischen Comic ausmacht und ihn von den europäischen und
amerikanischen Comics unterscheidet, kann man nur auf die Weise
verstehen. Umgekehrt nimmt der Manga Einfluss auf die derzeitige
Entwicklung des Comics in Ostasien, Europa etc. Neben dem deutschen
"Manga" (also Comics, die dem japanischen Vorbild ähneln) hätte man hier
noch kurz auf chinesische Manhuas und koreanische Manhwas eingehen
sollen. Mit diesem einen Raum wäre es dann auch schon getan, anstatt
überall ein paar Bilder einer deutschen Mangaka zu verteilen.
Nun
noch ein Wort zu den Definitionen. Die wichtigsten Begriffe werden zwar
erklärt, sodass es auch ein Laie verstehen kann, aber das geschieht
nicht an jeder Stelle. Ich selbst habe zwar keine Schwierigkeit damit,
aber aus den Augen einer Person betrachtet, meinetwegen der Oma, die in
die Ausstellung geht, um das Hobby ihrer Enkelin zu verstehen, da ist
die Informationsfülle doch etwas zu dicht und die Bezeichnungen könnten
überfordern. Ich würde mir daher so etwas wie einen Glossar-Flyer
wünschen, der die wichtigsten Begriffe alphabetisch ordnet, damit man
immer mal nachschauen kann, wenn man mit einem Wort nichts anzufangen
weiß.
Nach der historischen Aufbereitung des Themas folgt dann
eine weite Verzweigung. Man hat sich hier nicht bloß auf den Manga
beschränkt, sondern zeigt, wie bereits erwähnt, genauso Anime, Cosplay,
Vocaloid, Videospiele und sogar einen nicht jugendfreien Abschnitt in
einer kleinen Ecke, der sich mit Hentai und den erotisch-grotesken Shunga
("Frühlingsbildern") befasst. Auch Doujinshi werden kurz aufgegriffen,
jedoch hätte man hier den Markt besser erklären können. Der ist nämlich
nicht vergleichbar mit dem westlichen Fanzine. Viele Mangaka waren
zuerst Doujinshika oder sind umgekehrt mittlerweile aktiver bei ihren
Doujinshis und verdienen damit mehr Geld als vorher. Auch über die
Professionalität der Zeichner sagt es nichts aus; die Doujinshi zu
"Attack on Titan" etwa sehen meist besser aus als das Original (was
vielleicht keine Kunst ist). Einige Zeichner entscheiden sich für den Doujinshi,
weil sie damit weniger an die Vorgaben eines Verlags gebunden sind; die
Organisation in Zirkeln ist weitaus freier. Hier hätte man so einen
Doujinshi auch einfach mal zeigen können, da der sich vom Format doch
meist deutlich vom Manga unterscheidet.
Sowieso hätte ich mir an
einigen Stellen gewünscht, dass man all diese Bereiche für den Besucher
besser vorstellbar macht, wie etwa mit Fotos von Buchhandlungen,
Szeneläden (Animate, Mandarake, Lashingbang etc.), speziellen
Stadtvierteln (Akihabara und Ikebukuro), Merchandise, Themencafés usw.
Wirklich vorstellbar wird eigentlich bloß das, was bei uns in
Deutschland sowieso schon bekannt und beliebt ist, also Cosplay, Vocaloid, Videospiele,
Conventions. In das komplexe Gefüge in Japan hingegen bekommt man kaum Einblick.
Ab diesem Punkt wird die Sonderausstellung
jedenfalls sehr interaktiv. Die Kleinsten können malen oder
Manga-Gesichter zusammenstellen, man kann sich Cosplaykostüme anschauen
(wobei es sich um Leihgaben tatsächlicher Cosplayer handelt), Hatsune
Miku tanzt bei einem Live-Auftritt über einen Bildschirm oder man
schwelgt in Nostalgie bei Betrachtung der ersten japanischen
Spielekonsolen und Handhelds. Diese Vielseitigkeit hat man gut erkannt und umgesetzt.
Persönliche Kritikpunkte
Das
größte Manko der Ausstellung ist tatsächlich ihre genrebezogene
Einseitigkeit. Das klingt erstmal widersprüchlich, da doch so viele
Bereiche angeschnitten werden. Manga sei angeblich, weit mehr als ein einfach gezeichnetes Gesicht mit übergroßen Augen
(Auszug aus dem Werbeflyer). Tatsächlich ist es nicht "weit mehr" als
das, sondern generell nicht das. Nichts sei so vielseitig wie Manga, es
gäbe sie zu jedem Thema, für jedes Alter, für jedes Interesse.
Das
stimmt so weit, aber warum spürt man auf der Ausstellung davon wenig?
Man sollte die verschiedenen Zeichner, Genre und Stile auch zeigen und
nicht bloß behaupten, dass es sie gibt. Und "einfach gezeichnete
Gesichter mit übergroßen Augen" trifft es absolut nicht.
Ich kann mich nicht erinnern, dass Shinichi Sakamoto oder Satoshi Kon schon mal "einfache Gesichter" gezeichnet hätten.
Shinichi Sakamoto
Satoshi Kon
Oder dass Hiroaki Samura oder Hiroki Endo auf "übergroße Augen" Wert legen würden.
Hiroaki Samura
Hiroki Endo
Und manch andere fallen komplett aus dem Rahmen.
Junji Ito
Nishioka Kyodai
Manga sind vielfältig, das stimmt, aber solche Zeichner, wie ich sie hier anbringe, wird man auf der
Ausstellung vergeblich suchen. Und diese Beispiele sind nicht nur
irgendwelche Randerscheinungen. Man hätte auch noch bekanntere Serien und Zeichner
nehmen können. Naoki Urasawa etwa oder "Death Note" von Ohba und Obata,
kritische und historische Manga wie "Barfuß durch Hiroshima".
Eine
der seltenen Ausnahmen in dem Zusammenhang stellte "Chihiros Reise" dar,
obwohl ich das noch nicht mal unbedingt zu den tatsächlich erwachsenen
Beispielen zählen würde. Ghibli ist jedoch ein enorm wichtiges,
prägendes Studio, deshalb hätte es in dem Fall generell nicht bloß bei
einer Randbemerkung bleiben sollen. Hier hat man meines Erachtens
falsche Prioritäten bei der Auswahl gesetzt. Den gegebenen Platz hätte
man besser nutzen können, anstatt in einem Raum Ausmalbilder hinzulegen
und an der Wand Gesichter zusammenkleben zu können. Die Ausstellung
wusste da manchmal offenbar nicht, an welches Publikum sie sich wenden
soll. Oder zumindest lässt sie ein erwachsenes Publikum, das sich mit dem Thema bereits auskennt, ein wenig außen vor.
Wer also zu denjenigen gehört, die sich wirklich mit dem
vielfältigen, auch erwachsenen Angebot an Manga beschäftigen und nicht
nur mit dem Mainstream aus Naruto und Konsorten, der wird von der
Ausstellung sicher enttäuscht sein.
Was mir persönlich auch gar
nicht gefiel, war das große Fragebuch ganz zum Schluss im letzten Raum,
mit dem man sich quasi testen konnte, wie viel man durch die Ausstellung
gelernt hatte. Da gab es Fragen wie (Gedächtnisprotokoll):
Wie liest man einen Manga? - Anwort: Von hinten nach vorn. Es
ist zwar Haarspalterei, aber man liest ihn ganz normal von vorn nach
hinten, allerdings von rechts nach links. Was vorn und was hinten ist,
stellt nur eine Zuschreibung dar.
Was ist das Motto von Mangafans? - Antwort: Hauptsache süß und cool! Ja
richtig, solche Manga wie Tezukas "Adolf", Urasawas "Monster" oder
politische Manga wie Kawaguchis "Eagle" liest man natürlich vor allem,
weil sie süß und cool sind ...
Wie nennen sich Mangafans? - Antwort: Otaku Mag sein, dass sich einige selbst so nennen, aber ursprünglich ist Otaku ein abwertender Begriff.
Was macht Manga grundsätzlich aus? - Antwort: Große Augen! Diese
Zuschreibung geht mir langsam echt auf den Sack. Der Comicstil an sich
verstärkt (international) einzelne Aspekte des Gesichts; vielleicht sind
es in Japan eher die Augen und im Westen eher die Nasen, aber das ist
kein Erkennungsmerkmal. Osamu Tezukas Stil ist noch sehr stark vom
Westen beeinflusst und auch westliche Comics legen oft Gewicht auf die
Augen. Wenn man schon von der Optik ausgeht, hätte man stattdessen den
Unterschied eher darin sehen sollen, dass Manga meist schwarz-weiß sind
und westliche Comics meist in Farbe. Denn ich würde behaupten, es gibt
mehr Manga ohne große Augen als in Farbe.
Mein Fazit:
Die
Sonderausstellung hat es sich zum Ziel gesetzt, viele verschiedene
Leute anzusprechen, die sich mit dem Thema Manga auseinandersetzen
wollen. Kinder können gestalten, malen oder zocken. Erwachsene erhalten
Informationen und können vielleicht besser verstehen, womit sich ihr
Nachwuchs so beschäftigt. Und diejenigen, die in der Szene drin sind,
lernen womöglich etwas über die Entwicklung ihres Hobbys, erkennen sich
in einigen Gebieten wieder und können ein bisschen nostalgisch werden
und schwelgen.
Mangamania
wird auf der Augustusburg nicht nur einseitig betrachtet, sondern
streift die vielen anderen Bereiche, die damit einhergehen. Es sind
nicht alle Bereiche, das muss erwähnt werden. In Japan ist dieser ganze
Apparat noch stärker vernetzt, es handelt sich nicht bloß um eine
Randerscheinung. Darum hätte man den Markt noch ein bisschen besser
darstellen können. Bücher, Light Novels, Filme, Dramaserien,
Videospiele, Doujinshi usw. stellen das gesamte Feld der Medien dar;
ähnlich wie Marvel und DC Comics in Amerika sich mittlerweile am besten
über die Realfilme vermarkten. Man kann nicht alles zeigen, das ist mir
bewusst, aber indem man etwa ein paar Beispielmanga, die sowieso niemand
kennt, aus der Ausstellung streicht, hätte man diesen ganzen Verbund
verständlicher gestalten können.
Letztlich hätte ich mir ein bisschen mehr Vielfalt für ein erwachsenes Publikum gewünscht. Dass Manga ein künstlerisches Medium ist, welches sehr ernst und kritisch Inhalte vermitteln kann, geht in der Ausrichtung auf den Mainstream etwas verloren.
Nachdem unsere beiden Meerschweinmädels Nana und Zoey leider beide verstorben waren, haben wir knapp ein Jahr gebraucht, um wieder welche zu adoptieren. Dieses Mal fiel die Wahl auf zwei Böckchen: Aki und Riku.
Riku ist der Jüngere von beiden und er fiel mir sofort wegen seines weißen Streifens auf. Hier auf dem Bild ist der Streifen ein wenig zerzaust, doch Riku kann sich lang machen wie ein Wiesel, dann sieht der Streifen aus wie bei einem Stinktier. Ansonsten wirkt Riku durch die sehr spitze Nase ein bisschen wie eine Maus.
...Ich merke gerade, dass er also im Prinzip an alles Mögliche erinnert, nur eben nicht in erster Linie an ein Meerschwein.
Aki war die sofortige Wahl meiner Freundin, weil er komplett schwarz ist. Kennt ihr diese Formulare, die man beim Tierarzt ausfüllen muss, wo nach der Fellfarbe und den besonderen Merkmalen gefragt wird? Bei Aki könnte man nur hinschreiben: "schwarz" und "völlig schwarz". Wie ein Rußmännchen von Ghibli, obwohl man bei ihm häufig sogar die Augen nur erahnen kann. Das führt regelmäßig zu Suchaktionen im Käfig. Wenn Aki im Haus sitzt, ist er nicht auszumachen. Sitzt er auf dem Haus, kann man kaum erkennen, wo vorn und wo hinten ist und ob man ihm das Essen vielleicht gerade an den Po hält.
Riku ist quirlig, rennt viel herum und quiekt ständig. Außerdem habe ich selten ein Meerschweinchen so schnell fressen gesehen. Dafür ist er nicht sonderlich schlau. Vom Haus herab macht er meistens Weitsprünge, manchmal auch mit dem Kopf gegen die Wand vom Käfig, wenn er das falsch abschätzt. Wenn er etwas haben möchte oder Fressen riecht, stellt er sich irgendwo auf und macht Dehnübungen oder Yoga; mit dem Kopf den Rücken berühren und so einen Kram. Gibt man ihm einen Ring aus gepressten Heu, ist er zu dumm (?), um ihn einfach zu nehmen, sondern beißt davon ab und der Ring fällt runter. Vielleicht ist er auch einfach nur zu faul und möchte, dass man ihm den Ring die ganze Zeit vor die Nase hält. Wenn der Ring dann runtergefallen ist, findet Riku ihn meist nicht mehr wieder. (Das heißt, eigentlich sucht er gar nicht danach, weil der Ring für ihn einfach "verschwunden" zu sein scheint. Dass er nicht in der Luft vor seiner Nase schweben bleibt, scheint Riku nicht einzukalkulieren.) Dann rennt er meist ganz panisch zu Aki und versucht von ihm etwas zu ergattern.
Aki ist zwar älter, leichter und nicht so verfressen, aber er ist der eigentliche Boss von beiden. Ein geruhsamer Typ, der sich beim Fressen Zeit lässt und gegen Riku den Kopf hebt, wenn der ihm etwas stehlen möchte. Oft macht er sich das allerdings einfach, rennt mit seinem Ring in eines der Häuser und verstopft mit seinem Po den Eingang. Wie gesagt, man erkennt ja sowieso nicht, wo vorn oder hinten ist.
Jedenfalls sind beide extrem awesome, sodass ich fast Lust hätte, mal wieder ein paar Haustiercomicstrips zu zeichnen.
Hier noch ein paar weitere Impressionen:
Riku im Badebottich, nachdem er sich seinen Po mit irgendwas verkleistert hatte und eine Waschprozedur über sich ergehen lassen musste.
Aki, der ein Apfelstück als Kopfkissen zum Schlafen benutzt.
Riku, nachdem er sich schon wieder die Haare am Po verkleistert hatte. Diesmal wurde seiner Schleppe ein Haarschnitt verpasst.
Aki liegt rum. Nein, das sind keine zusammengekehrten Haare vom Friseur.
Riku und Aki. Guckend. Das war's vom Ort des Geschehens!
Was wir voneinander denken und was manche über den Osten nicht wissen.
Teil 1: Vorurteile, Solidaritätszuschlag, Renten, Reparationsleistungen
25 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland nach einer jahrzehntelangen Trennung zusammengewachsen und dennoch gibt es nach wie vor Unterschiede, Benachteiligungen und Vorurteile auf beiden Seiten. Zu diesem Thema habe ich kürzlich eine Umfrage gestartet. Ich würde mich freuen, wenn noch ein paar weitere Stimmen dazukommen, obwohl mir im Nachhinein auffiel, dass leider nicht diejenigen berücksichtigt wurden, die aus dem Ausland kommen. Die Umfrage richtet sich demnach speziell an Deutsche. Bislang lautet das Fazit nüchtern zusammengefasst, dass die abstimmenden Westdeutschen prozentual weniger Vorurteile gegen Ostdeutsche haben als umgekehrt. So zumindest ergibt es sich anhand der Stimmen. Einige haben darauf hingewiesen, dass Vorurteile nicht unbedingt negativ gemeint sein müssen, einiges bewahrheitet sich allein schon durch die Sozialisation. Zudem hat sich herauskristallisiert, dass mitunter ein Lokalpatriotismus vorherrscht. Das bedeutet, es handelt sich nicht zwangsläufig um Vorurteile zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Nord und Süd, Großstadtbewohner gegen Kleinstadtbürger oder auch Bayern gegen den Rest Deutschlands (falls man Bayern denn zu Deutschland zählt). Das klingt scherzhaft und so ist es auch gemeint, da regionale Unterschiede und die damit einhergehenden Stellungnahmen völlig normal sind und sich in den meisten anderen Ländern ebenfalls wiederfinden.
Vorurteile von Ost über West oder von West über Ost, das ist eigentlich ein überholtes Thema, möchte man meinen. In meiner frühen Kindheit wusste ich nur, dass es Konflikte zwischen "Ossis" und "Wessis" gab, wobei mir jedoch nicht klar war, zu welcher von beiden Gattungen ich überhaupt gehörte. Heutzutage, gerade durch die mediale Vernetzung und Kommunikation, sind Abneigungen längst hinfällig, so nahm ich an. In meiner Jugend zumindest existierten schlichtweg keine Abwertungen gegenüber den "Wessis". Die ersten Erfahrungen dazu habe ich erst gemacht, als ich von 2007 bis 2009 im Ruhrgebiet bzw. Sauerland lebte. Das ist schon ein Weilchen her, darum sind einige Dinge, die ich dort zu hören bekam, mittlerweile vielleicht schon gar nicht mehr der Rede wert. Ich persönlich mag die Vielfältigkeit Deutschlands, und die Wiedervereinigung halte ich historisch gesehen für vorbildhaft und einzigartig auf der Welt. Warum schreibe ich dann nun eine solche Stellungnahme? Weil ich leider häufig Aussagen dieser Art hören musste: Der Osten sei eine wirtschaftliche Belastung für den Westen, es wäre besser, wäre die Mauer nie gefallen, oder noch besser, sie sollte gleich wieder aufgebaut werden etc. Zum Teil ist einiges hier in diesem Beitrag deshalb ein bisschen drastisch formuliert, um diesem Tenor entgegenzuwirken. Bei der Argumentation orientiere ich mich an dem Buch Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben? Versuch einer Abschlussbilanz von Siegfried Wenzel, der einst stellvertretender Vorsitzender der Plankommission war. Seine Positionen und Schlussfolgerungen basieren größtenteils auf westdeutschen Quellen, sind distanziert, differenziert und sachlich. An dieser Stelle möchte ich also einerseits eine kleine Empfehlung für das besagte Buch aussprechen, das den wirtschaftlichen Stand vor ungefähr zehn Jahren darstellt – zu einer Zeit, als noch stark in der Öffentlichkeit von der "DDR-Pleite" die Rede war. Andererseits möchte ich über Trugschlüsse aufklären und ein paar Informationen liefern, die das Bild einer ganzdeutschen Belastung durch den Mauerfall in einem neuen Licht betrachten lassen. Die Weblogeinträge zu diesem Thema werde ich in mehreren Teilen liefern, sonst wird das ein bisschen viel auf einmal. Ich bemühe mich um verständliche Erklärungen, dennoch könnten manche wirtschaftlichen, ökonomischen Themen etwas schwierig zu verstehen sein. Über aufmerksame Leser würde ich mich daher sehr freuen, da es wirklich interessant werden könnte. Noch ein Hinweis: ich bin nicht unfehlbar und falls hier einige Experten herumgeistern, denen verkehrte Darstellungen, Ergänzungen oder aktuelle Informationen einfallen, wäre ich über entsprechende Kommentare sehr erfreut.
1. Solidaritätszuschlag: Ein Päckchen, das wir alle tragen
Allererster Trugschluss, der mir sehr häufig unterkam: der Solidaritätszuschlag. Als ich noch in NRW wohnte, gab es viele Leute, die alle mit voller Inbrunst davon überzeugt waren, allein die westlichen Bundesländer müssten den Soli bezahlen, was selbstverständlich nicht stimmt. Der Solidaritätszuschlag wird und wurde seit jeher von ganz Deutschland bezahlt, von den Bürgern der alten wie der neuen Bundesländer. Hierbei muss man ebenfalls bedenken, dass bis heute, über zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, die Gehälter sowie Renten der ehemaligen DDR noch immer nicht an die Westgehälter angeglichen wurden, trotz gleicher Steuern, gleicher Beiträge, sodass man im Osten weniger von seinem Geld hat, obwohl man genauso viel in den Staat investiert. Angela Merkel verkündete erst kürzlich, dass man sich derzeit weiter bemühen werde, die Renten zwischen Ost und West einander anzugleichen – dies würde nun nur noch wenige Jahre in Anspruch nehmen. Alte Menschen, die in der ehemaligen DDR ein Leben lang gearbeitet haben, profitieren davon kaum, weil eine Rentenabsicherung damals nur ab einem bestimmten Gehalt gewährleistet wurde. Unter diesem festgelegten Satz war man in der DDR einem erzwungenen Freibetrag ausgesetzt. Kurz gesagt heißt das, wer zu wenig verdiente, konnte keine Rücklagen für die Rente einzahlen und später auch nichts geltend machen, hatte also trotz Arbeit quasi niemals eingezahlt. Betrachtet man das vielfach geringere Gehalt und den Wertverfall dessen, wovon man sich damals noch einiges leisten konnte, sind durch die Inflationsrate die letzten fünf bis zehn Jahre vor der Rente am entscheidendsten. Wer früher in Rente gehen musste, weil ihm nach dem Mauerfall beispielsweise die Arbeitsbefugnis oder der Abschluss in der Ausbildung bzw. dem Studium aberkannt wurde, erhält lediglich den am vormals geringen Gehalt – zumindest nach heutigem Maß – errechneten Rentenbetrag, der nicht selten unter 1000 Euro liegt, trotz jahrzehntelanger Arbeit. Zugegebenermaßen hilft das nicht über die allgemein geringen Renten hinweg, die ebenso im Westen besonders Frauen im hohen Alter erhalten, weil sie häufiger als Frauen im Osten keiner Arbeit nachgingen und keine Sozialleistungen in Anspruch nahmen, aber das gehört zu einem anderen Thema. Fakt ist jedenfalls, um zum Soli zurückzukommen, dass seit einigen Jahren laut Umfragen sowohl im Osten als auch im Westen die Bürger der Meinung sind, man könne den Solidaritätszuschlag abschaffen. Wie in Deutschland, dem Spitzenreiter im Erheben von Steuern, nicht anders zu erwarten, stellt sich in erster Linie die Regierung quer, die nicht gern Geld wieder hergibt, das sie einmal rechtlich erwirtschaften kann. Die Lösung hierzu lautet, dass man den Soli unabhängig von der Region überall nach Notwendigkeit einsetzt, da ihn ohnehin alle bezahlen und mittlerweile die Infrastruktur in weiten Teilen Deutschlands auf gleiches Niveau gebracht wurde und es im Westen genauso wie im Osten Verbesserungsbedarf gibt.
Kleiner Nachtrag aufgrund einer Kommentaranmerkung: Nicht verwechseln sollte man den Solidaritätszuschlag mit dem Solidarpakt, der wiederum nicht von den einzelnen Bürgern, sondern vom Bund getragen wird. Diese Unterstützungen kommen zu großen Teilen, aber nicht ausschließlich den neuen Bundesländern nach Bedarf zugute. Anfangs bis 2004 geplant laufen die Unterstützungsleistungen nun noch voraussichtlich bis 2019. Wie nötig und sinnvoll das ist, kann offenbar nicht einmal der Bund genau sagen, da die Länder und Einrichtungen das ihnen zur Verfügung gestellte Geld nicht immer den Anforderungen entsprechend einsetzen. Ähnlich wie bei der Treuhand, auf die ich in meinem dritten und letzten Beitrag eingehen werde, scheitert das Unternehmen an Bürokratie und privater Befugnis, wobei das Ausmaß der Veruntreuung bei der Treuhandanstalt natürlich um ein Vielfaches beträchtlicher war.
2. Reparationsleistungen: Ein Päckchen, das der Osten fast allein trug
Nächstes Standardargument, weshalb die DDR angeblich nicht viel beizusteuern und von der BRD quasi wieder aufgepäppelt werden musste, ist die Demontage der Schwerindustrie und zahlreicher technischer Geräte. Durch die Demontagen boten sich, um das kurz anzumerken, auch Vorteile. Alles musste neu aufgebaut und modernisiert werden. Bestandenes wurde nicht ausgebessert, sondern komplett ausgetauscht. Wenn man sich häufig die Frage stellt, warum in den alten Bundesländern vieles noch tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes "alt" ist, liegt das daran, dass es instandgehalten werden konnte und nicht ersetzt werden musste. Dahinter stehen allerdings noch ein paar weitere Tatsachen. Die Reparationsforderungen der UdSSR wurden von der DDR allein getragen, ohne Beteiligung der BRD. Wären die Regionen nicht aufgeteilt worden, hätte ganz Deutschland diese Reparationsleistungen tragen müssen. Das ist demzufolge ein – lediglich an den Forderungen der UdSSR gemessen mehr oder weniger gerechter – Verlust, den beide Teile Deutschlands zu tragen haben. Für den Wiederaufbau mussten Investitionen vorgenommen werden; in der BRD geschah dies direkt nach dem Krieg. Durch die Teilung wurden indes keine Gelder für die DDR ausgegeben, die erst nach der Wiedervereinigung flossen. Das entspricht einer Aufschiebung, keiner Belastung, die ohnehin angefallen wäre, hätte Russland nicht für eine Isolierung gesorgt.
99,1 Mrd. DM (1953) Reparationen der DDR stehen 2,1 Mrd. DM der Bundesrepublik Deutschland gegenüber. Die DDR trug also 97 – 98 % der Reparationslast Gesamtdeutschlands. Damit entfielen auf jeden Einwohner vom Kind bis zum Greis in der DDR 5.500 DM Reparationen, in der Bundesrepublik hingegen 440 DM (zum Wert 1953) – in der DDR also pro Einwohner mehr als das Dreizehnfache. Diese Angaben finden sich wieder in einem Aufruf an die Regierung der Bundesrepublik zur Zahlung ihrer Reparations-Ausgleichs-Schuld an die Menschen der ehemaligen DDR, datiert mit der Jahreswende 1989/90, initiiert von dem Bremer Wissenschaftler Prof. A. Peters und unterschrieben von zwölf Wissenschaftlern und Politikern der alten Bundesländer. Daraus wird abgeleitet: Wenn die Reparationsleistungen gleichmäßig auf die Bürger ganz Deutschlands verteilt worden wären, ergäbe sich folgendes: Unter Berücksichtigung einer Verzinsung von 6 ⅝ Prozent (wie sie die DDR für den ihr vom Bundesfinanzministerium über deutsche Großbanken 1983 – 1988 gewährten Kredit zu zahlen hatte) ergibt sich eine Ausgleichszahlung der BRD an die Bürger der DDR in Höhe von 727,1 Mrd. DM zum Wert von 1989 als ein objektiv völlig gerechtfertigter Lastenausgleich. Interessanterweise ist das etwa die gleiche Summe, die das Wirtschaftskomitee der Regierung Modrow errechnet hatte, um auf die Grundlage eines damals noch favorisierten Stufenplanes der Wiedervereinigung die Arbeitsproduktivität, die materielle Produktionsbasis und die Infrastruktur der DDR bis 1995 auf etwa 80 – 90 Prozent des BRD-Niveaus von 1989/90 heranzuführen. Auf einer Pressekonferenz zur Vorstellung seines Memorandums am 28. 11. 1989 in Bonn sagte Prof. A. Peters: "Mir geht es darum, deutlich zu machen, dass wir, wenn wir jetzt der DDR Ressourcen zur Verfügung stellen, das nicht unter der Überschrift 'Hilfe' oder gar 'altruistische Hilfe' subsumieren können." Die BRD müsse sich als Treuhänder ansehen "für die Bevölkerung der DDR in Bezug auf ein gewissermaßen gespartes Kapital, mit dem wir ja arbeiten konnten. Und dieses Treugut muss man natürlich zurückgeben." Klaus v. Dohnanyi, Ex-Bürgermeister von Hamburg und einer der Hauptberater der Treuhandanstalt, sagte dies auf einem Kongress führender Manager im Dezember 1992 in Leipzig noch drastischer: "Es geht nicht, dass der östliche Teil Deutschlands, der den Krieg bezahlt hat, auch noch den Frieden bezahlen muss." Wie hellsichtig klingt in der sprüchereichen Zeit der deutschen Wiedervereinigung dazu der Ausspruch des Altbundespräsidenten Richard v. Weizsäcker, fast wie ein Menetekel: "Teilung kann nur durch Teilen überwunden werden."
Hier geht es zu den nächsten zwei Beiträgen: Teil 2: Humankapital, Verschuldung pro Kopf Teil 3: Eine Kriminalgeschichte der Treuhandanstalt
Nach alledem ist dieser Gott ein
launenhaftes Wesen, welches das von ihm geschaffene Geschöpf dem
Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch ein Ungeheuer ist ein solcher
Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören. Nicht zufrieden mit einer so
großen Aufgabe, ertränkt er den Menschen, um ihn zu bekehren, er
verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran, dieser hohe Gott,
ja er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich, indem er das
Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu trotzen
vermag, der imstande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren, zu
verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans über
uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt seinem
einzigen Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen
sterblichen Leib bannt. Man wäre geneigt zu glauben, dieser Sohn Gottes
müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von glänzenden
Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften Jüdin in
einem Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor dem ewigen
Tod retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er tut, hören wir, was er
spricht! Welche erhabene Mission vollführt er? Welches Geheimnis
offenbart er uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche Tat lässt er
uns seine Größe erkennen? Wir sehen vor allem eine unbekannte Kindheit,
einige Dienste, die er den jüdischen Priestern des Tempels von
Jerusalem leistet, dann ein 15jähriges Verschwinden, während welcher
Zeit er sich vom alten ägyptischen Kultus vergiften lässt, den er nach
Judäa bringt. Er geht so weit, sich für einen Sohn Gottes zu erklären,
der dem Vater an Macht gleich ist; er verbindet mit diesem Bündnis die
Erschaffung eines dritten Wesens, des Heiligen Geistes, indem er uns
glauben machen will, diese drei Personen seien nur eine. Er sagt, er
habe eine menschliche Form angenommen, um uns zu retten. Der sublime
Geist musste also Materie, Fleisch werden und setzt die einfältige Welt
durch seine Wunder in Erstaunen.
Während eines Abendmahles betrunkener Männer verwandelt er Wasser in
Wein. Er speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen
gehaltenen Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten, um
sich von ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier oder
dreier seiner Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte
Taschenspielerkunststücke aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler
schämen müsste. Dabei aber verflucht er alle, die ihm nicht glauben
wollen, er verspricht den Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt
nichts Geschriebenes, spricht sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch
bringt er durch seine aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird
endlich gekreuzigt. In seinen letzten Augenblicken verspricht er seinen
Gläubigen, zu erscheinen, so oft sie ihn anrufen, um sich von ihnen –
essen zu lassen. Er lässt sich also hinrichten, ohne dass sein Herr
Papa, dieser erhabene Gott, auch nur das Geringste täte, um ihn vor dem
schimpflichen Tode zu retten. Seine Anhänger versammeln sich jetzt und
sagen, die Menschheit sei verloren, wenn sie dieselbe durch einen
auffallenden Handstreich nicht retteten. Lasst uns die Grabwächter
einschläfern, stehlen wird den Leichnam, verkünden wir seine
Auferstehung! Dies ist ein sicheres Mittel, um an dieses Wunder glauben
zu machen; es soll uns dazu helfen, die neue Lehre zu verbreiten. Der
Streich gelingt. Alle Einfältigen, die Weiber und Kinder faseln von
einem geschehenen Wunder und dennoch will niemand an diesen Gott
glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das
Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit
halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in
den Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen
werden zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern
verkündet, so wird die Liebe des Nächsten und Wohltätigkeit zur ersten
Tugend erhoben. Verschiedene bizarre Zeremonien werden unter der
Benennung „Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die
ist, dass ein sündenbelasteter Priester mittels einiger Worte, eines
Galimathias, ein Stück Brot in den Leib Jesu verwandelt.
Der Marquis de Sade. Eine Kultur- und Sittengeschichte von Eugen Dühren
Es heißt, wer dieses Buch, das von
einem unbekannten Autor in lateinischer Sprache verfasst wurde, in
seinen Besitz bringt, erfährt damit die allumfassende Wahrheit über
diese Welt und erhält die Weisheit, wie sie sonst nur ein das
menschliche Dasein transzendierendes göttliches Wesen besitzen kann. Man
sagt, wer von dem Buch der Weisheit auserwählt wird, erlangt
entweder die Weisheit, mit der er diese Welt regieren und beherrschen
kann, oder aber ihn überkommt die fatale Eingebung, diese Welt zugrunde
zu richten.
"Dieses Buch bringt das wahre Potenzial, das im Gehirn eines Kindes
steckt, zum Vorschein. Unter geistig Behinderten oder Autisten gibt es
in seltenen Fällen Menschen, die über außergewöhnliche Rechenfähigkeiten
oder übermenschliches Erinnerungsvermögen verfügen. Im Grunde
schlummert im Gehirn eines jeden Menschen ein solches Potenzial.
In diesem Buch wird beschrieben, welche Umstände nötig sind, um durch
neue Verknüpfungen das Gehirn so umzupolen, dass es in der Lage ist,
dieses Potenzial a posteriori auszureizen. Der Verfasser dieses Buches
muss also ein ganz besonderes Genie gewesen sein... Vielleicht war er
aber auch der Teufel?
Erinnerungsvermögen, Rechenfähigkeiten und dergleichen gehörten zu den
Dingen, mit denen Religionsführer und Staatsmänner seit jeher das
unwissende Volk geführt haben. Wer im Besitz dieser Fähigkeiten ist, hat
jedoch gar nicht die Absicht, die Welt zu verbessern.
In uns könnte sehr schnell der Wunsch aufkommen, anstelle der ignoranten
Erwachsenen über die Menschheit zu herrschen. Wenn wir das wollten,
wäre das ein Leichtes für uns. Wir müssten einfach nur bei der
Wirtschaft ansetzen. Erst durch schlaue Investitionen Geldmittel
anhäufen und mit Termingeschäften weiter vermehren. Damit sind selbst in
kurzer Zeit große Gewinne zu machen. Mit genügend Geld ist es dann ein
Leichtes, auf die Politik Einfluss zu nehmen. Dann zettelt man in
politisch instabilen Ländern Kriege an und macht auf diese Weise
wiederum Profit. Man kann sich auch die Religion zunutze machen.
Menschen in Sorgen und Not sind so leicht zu beeinflussen.
Aber wir werden das nicht tun. Denn was hätten wir denn davon, wenn wir die Menschheit beherrschten?
Wir wären damit Tag und Nacht beschäftigt. Aber wofür? Wir müssten
schwer dafür arbeiten, die Herrscher der Welt zu werden, nur um dann
womöglich Opfer von Attentaten durch unsere Untergebenen zu werden.
Warum sollte es unsere Aufgabe sein, das ignorante Volk anzuführen? Da
uns die Menschheit doch nur Steine in den Weg legt, wo sie nur kann.
Wenn man sich die Wahrscheinlichkeit vor Augen hält, dass das alles gut
für uns ausgeht, scheint das den ganzen Aufwand nicht wert. Und sollte
es doch klappen und wir eines Tages unermessliche Reichtümer angehäuft
haben, was machen wir dann? Uns auf die faule Haut legen und das Leben
genießen? Das können wir auch jetzt schon. Völlig ohne die ganze
Vorarbeit. Es wäre einfach nur dumm, sich solche Anstrengungen
aufzubürden."
Der Grund, warum das Buch der Weisheit keine Gefahr darstellt, lässt sich mit einer einfachen Metapher veranschaulichen: Mit dem Spiel Drei gewinnt.
o
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o
x
Alle Kinder spielen dieses Spiel mit großer Begeisterung. Als
Erwachsener spielt dieses Spiel jedoch so gut wie niemand mehr. Warum
ist das so?
Weil man nach einer gewissen Weile erkennt, dass dieses Spiel immer in
einem Unentschieden endet, wenn man weiß, was man tun muss, ganz egal,
ob man das Spiel als erster Spieler beginnt, und ganz egal, ob man als
Kreuz oder als Kreis spielt.
Das kann man nun leicht auf die Kinder übertragen, die durch das Buch der Weisheit mit dem Verstand eines Genies gesegnet wurden. Wer das Buch der Weisheit
liest und dadurch mit einem brillanten Verstand ausgestattet ist, wird
sich unweigerlich für ein Leben des Nichtstuns entscheiden, weil alles
ohnehin keinen Unterschied mehr macht.
Das Leben ist wie ein Spiel, aber man hat dabei nur einen Versuch. Wer
die Zukunft nicht kennt, kann sich an Neuem versuchen, weil er zumindest
weiß, dass nach einem Scheitern neue Möglichkeiten warten. Menschen mit
außergewöhnlichem Intellekt neigen tendenziell eher zu Angstzuständen
und Depressionen. Sie verzweifeln vermehrt an der hohen
Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns, bevor sie sich einer
Herausforderung stellen, was sie letzten Endes handlungsunfähig macht.
Vielleicht sollte man von den Menschen, die sich im Verlauf der
Menschheitsgeschichte einen Namen gemacht haben, weniger als Genies
denken, sondern vielmehr einfach als Menschen, die nicht recht Verzicht
üben konnten und besonders ausdauernd waren.
Da die meisten Zamonier an jeder
Hand vier Finger haben, basiert die zamonische Urmathematik auf der Zahl
Vier. Es gibt die Zahlen Eins, Zwei, Drei, Vier und Doppelvier, die
eigentlich Acht bedeutet. Die dazwischenliegenden Zahlen Fünf, Sechs und
Sieben werden von der zamonischen Urmathematik als "Unzahlen"
verachtet, sie streitet die Existenz dieser Zahlen schlichtweg ab. Auf
die Doppelvier (8) folgt die Doppeldoppelvier (16), darauf die
Doppeldoppeldoppelvier (32), darauf die Doppeldoppeldoppeldoppelvier
(64) und so weiter - ein System, das offensichtlich auf der
Multiplikation von durch vier teilbaren Zahlen basiert.
Die zamonische Urmathematik leugnet weiterhin alle Zahlen, die zwischen
Doppelvier (8) und Doppeldoppelvier (16) sowie zwischen Doppeldoppelvier
(16) und Doppeldoppeldoppelvier (32) liegen, sowie die zwischen
Doppeldoppeldoppelvier (32) und Doppeldoppeldoppeldoppelvier (64) - und
so weiter, bis ins Unendliche. Die zamonische Urmathematik lehnt also
insgesamt ziemlich viele Zahlen ab - eigentlich die meisten. Sie gilt
daher als das ungenaueste aller Rechensysteme.
Die zamonischen Druiden hingegen akzeptieren nur eine einzige Zahl, die
sie Olz nennen. Olz ist die Anzahl von Druidenseelen, die angeblich
gleichzeitig durch ein Schlüsselloch passen, und das ist eine sehr hohe,
eigentlich nur für Druiden erfassbare Summe. Weil die Zahl so hoch ist,
muss der Druide im alltäglichen Bereich mit Bruchteilen von einem Olz
rechnen - die druidische Mathematik basiert also auf dem Dividieren von
Olzen. Die kleinste druidische Zahl (außer dem Nicht-Olz, das kein einziges Teil eines Olzes
bedeutet und der arabischen Null vergleichbar ist) ist das
Ukzilliarden-Olz, also der ukzilliardenste Teil eines Olzes. Eine
Ukzilliarde entspricht übrigens einer Million Ukzillionen.
Ganz anders rechnen die Rikschadämonen, sie vertreten die gruseligste
Mathematik Zamoniens und zählen in Schrecksekunden: Das ist die Dauer,
die ein durchschnittliches Haar braucht, um sich beim Erschrecken
aufzurichten (ungefähr 0,3 Sekunden). Diese Zahleneinheit nennen sie 1
Horror, zehn Horror bedeuten einen leichten Schreck, hundert Horror
einen Schock und tausend Horror einen Herzinfarkt.
Die umständlichste Mathematik Zamoniens wird aber von den Fhernhachen
praktiziert: Sie rechnen in Zuneigungen, und deswegen können sie nur
zählen, wenn sie mindestens zu zweit sind. Eine Zuneigung wird durch das
Aneinanderreiben von zwei Fhernhachen-Nasen repräsentiert, zwei
Zuneigungen durch das zweimalige Reiben und so weiter. Außerdem gehören
die Fhernhachen zu den wenigen Anhängern der zamonischen Urmathematik,
weshalb sie immer bis Vier abzählen statt bis Drei.