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Samstag, 25. Mai 2013

Tokyo

Du bist kurz davor, dich aufzugeben
Durch geträumte Straßen wie gefallener Regen
(Selig)


Verlieren wir uns in der Masse der Menschen und der verrottenden Welt um uns herum. Auf absurde Weise lieben wir sie noch immer. Schmerzlich vertraute, vermisste Stadt. Wir wandern durch die überfüllten Schluchten zwischen erdrückenden Gebäudekomplexen, kreuzen Ampeln, die selbst an solchen Straßen stehen, die man mit einem einzigen Schritt überqueren könnte, stolpern so leicht über die endlosen Blindenzeichen auf den Fußwegen. Wir betreten Geschäfte, die ununterbrochen geöffnet sind, in denen wir routiniert bereits am Eingang begrüßt werden, hören zu, wie man sich dafür bedankt, dass wir das Geschäft besuchen, wie unsere Einkäufe aufgezählt, jeder einzelne Preis genannt und zusammengerechnet wird, was wir bezahlen, was wir zurückerhalten. Ein unaufhörlicher, einstudierter Redeschwall, der uns permanent umgibt, die ständige distanzierte Höflichkeit, das Verbeugen, das Entschuldigen, das Bitten. Diese ganzen Floskeln hüllen uns irgendwann so ein, dass wir gar nicht mehr registrieren, welchen Menschen wir gegenüberstehen und wem dieses automatisierte Verhalten überhaupt noch gilt. Wir lassen uns davon einhüllen, beruhigen und betäuben. Wir wenden uns ab und verlassen einander. Doch wohin gehen wir? Wohin?

Donnerstag, 11. April 2013

Bloß verschwommen

Vorlage für den Einzelteil
Intus

Mein Sichtfeld verschwimmt. Die Flecken auf meiner Camouflagehose scheinen über meine Beine zu wandern. Überall finde ich Halt an Wänden und Türrahmen. Ich gehe weiter, nachdem ich mich bedankt habe. Besser als gar keine Kommunikation. Meine Gliedmaßen sind schwer wie Blei und die Bilder vor meinen Augen werden meinen Blicken hinterhergeschleift. Ich beobachte die Tapete, die an den Wänden herunterfließt. Die Regale und Poster wirbeln herum und ich fühle mich ruhiger und ausgeglichen. Endlich fühle ich mich nicht mehr so, als würde es wehtun.

Freitag, 8. April 2011

Kafka

Vor einigen Tagen habe ich einen Käfer gefangen. Er flog durch den Raum, gegen die Fensterscheibe, weil er vermutlich in die Außenwelt wollte, und stürzte ab. Dabei landete er auf seinem Rücken und kam nicht mehr hoch. Ich habe ein Glas über ihn gestellt. Eine Zeit lang bewegte er sich noch. Aber ich schenkte ihm schnell keine Beachtung mehr. Jetzt, nachdem ich mich seiner wieder erinnerte, musste ich feststellen, dass er noch immer lebt. Er drückt seine Beine gegen den Boden, um sich aufzurichten. Beinahe wollte ich die Beschreibung "verzweifelt" verwenden, weil er genau danach aussieht. Seine Bewegungen wirken menschlich. Ob er wirklich etwas Derartiges fühlt, kann ich nicht sagen. Aber aus seinem kleinen Glaskäfig kann er ohnehin nicht entfliehen, selbst wenn er noch immer mit den Beinen um sich schlägt, sogar wenn er nicht auf dem Rücken läge. Doch das weiß er nicht. Darum ergeben seine Bemühungen noch so lange Sinn, bis er die Wahrheit erkennt. Ich habe ihn Kafka genannt. Weil ich es nicht schaffe, ihn zu erlösen, warte ich darauf, dass er stirbt.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Wenn ein Mensch lebt

Vorlage für den Einzelteil
Wie man sich hinterm Sarg anstellt

Warum soll man keinen Menschen töten?
Weil immer jemand deswegen weint.


Ich erinnerte mich daran, als meine Schwester und ich auf irgendeiner Beerdigung waren, von der ich jetzt nicht mehr weiß, wer eigentlich gestorben war, weil solche Veranstaltungen immer gleich ablaufen. Jedenfalls mussten meine Schwester und ich wegen irgendeiner Sache lachen, sodass wir es kaum zu unterdrücken vermochten, während wir von einigen Seiten böse Blicke ernteten. So ist es also, wenn man auf einer Beerdigung lacht, dachte ich damals.
Ich erinnere mich daran, dass bei irgendeiner Beerdigung, vielleicht war es dieselbe, sich ein paar Leute darüber aufregten, dass ein Bekannter von mir in Jeanshosen aufgetaucht war.
Und ich erinnere mich an das abgestumpfte Lächeln, als meine Mutter irgendwann sagte: "Das passiert halt."
Viel früher dachte ich noch nicht, dass so etwas "halt passiert". Aber da nahm ich auch noch an, man müsste auf Beerdigungen weinen und still sein. Jetzt weiß ich, dass man es auf unterschiedliche Weise hinter sich bringen kann, auch durch Lachen und Langeweile. Das passiert halt. Man gewöhnt sich an alles.
Mit der Zeit habe ich mich nur gewundert, was bei solchen Ereignissen alles erzählt wird. Von wem spricht der Typ da vorn? Das habe ich mich ständig gefragt. Eigentlich sollte man sich jedes Mal einen anderen aussuchen, der die Rede hält, sonst hört man stets dasselbe Zeug. Niemand sagt so etwas wie: "Wurde auch Zeit" oder "Na endlich".

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, dass er zu früh geht
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit...
...dass er geht

(Puhdys)

Der Tod macht jeden Menschen zum Engel, zum fehlerlosen Nichts.
Jedes Mal mache ich mir einen Spaß daraus, mich von meinem eigenen Verhalten überraschen zu lassen, ob meine Hand ein wenig Erde ins Grab wirft oder ein paar Blumenblätter oder beides, was meist vorkommt, oder einfach gar nichts, man stelle sich das mal vor ...

Montag, 14. September 2009

Halb bin ich du

Vorlage für den Einzelteil
UnterHalb

Wenn du in den Spiegel siehst, dann erkennst du mich nicht, weil ich es nicht will. Dann verstecke ich mich im Glas hinter einer namenlosen Maske und warte. Das Leben ist ein ständiges Warten. Ein Warten auf Godot? Ein Warten darauf, dass die Tür zum Gerichtssaal geschlossen wird und man nie hindurchgegangen ist, obgleich jene Tür für einen bestimmt war? Nur ich sitze hier und schaue dir zu, solange du mich nicht beachtest. Du erkennst, wer ich bin, wenn ich es will. Dann lasse ich dich in einer ruhigen Sekunde innehalten und zwinge dich, mir in die Augen zu schauen. Was siehst du? Siehst du mich? Halb dich, halb nichts.
Während du erwachsen wurdest, bin ich das Kind einer Mutter, die lediglich eine Frau, allenfalls eine Freundin war, und das Kind vieler Männer, die nie meine Väter waren. Meine halbe Mutter nannte ich stets beim Namen, während du ihr noch einen Titel gegeben hast. Halb verschämt, halb mutig, halb lügend, Halbkind. Doch ähnlich wurdest du ihr dennoch, auch wenn du stets mehr wie dein Vater sein wolltest. Mehr wie er, dem Individuum in dir, dem Unbekannten in ihm. Ein falscher Name an dich adressiert und du wusstest, dass nicht er es war, den du sahst, sondern nur eine weitere Maske der Pest und Krankheit, dem Geschwür in seinem Kopf, das ihn im Gegensatz zu vielen anderen Menschen tatsächlich und in der Wirklichkeit zerfressen hat. Darum bin ich dein Geschwür hinter dem Spiegelglas.
Halbkind, Halbgott, um einen tanzenden Stern für die Nachwelt zu gebären. So bist du einer der letzten Menschen. Ich, zu narzisstisch im Selbsthass verloren. Du, zu gelangweilt von dir selbst, um dich mit dir zu beschäftigen, richtest du dein Augenmerk auf die Menschen um dich herum, halb Mensch, halb Wolf. Ist der Mensch dem Menschen ein Wolf? Leben Wölfe in der Steppe allein? Sind Halbkinder nur Töchter und Söhne von Sonne und Mond? Ich warte hinter dem Spiegel im Wunderland und höre das Kratzen in deinem Inneren. Etwas hat einen Kokon gesponnen und sehnt den Tag der Vereinigung herbei. Ich bin es nicht und doch sind das Es und Ich du. Wir wachsen in dir heran. Hast du uns vermisst? Du glaubst noch immer, du seist ein Geldstück, eine der Münzen auf deinen Augen. Du glaubst, du hättest zwei Seiten, doch jeder Mensch, ob Halbkind, Halbmensch, Halbgott, trägt viele Seiten in sich. Nicht nur zwei, nicht nur drei Instanzen. Sind wir Möbiusschleifen, die nach Ergänzung suchen, die wir ein Leben lang bei uns behalten, ohne dass sie ein Teil von uns sein kann? Ein Teil von dir, ein Teil von mir. Ein Teil vom Nichts der Unendlichkeit. In der Rasse geteilt, halb weiblich, halb männlich, betrachte ich die Frau in dir und möchte gern ein Mann sein. Du bist zu sehr ich, wir sind zu viel von uns, ich bin zu viel in mir selbst. So bin ich fast sie, fast er, weil ich nicht genug geben kann und doch zu viel zu geben habe. Du bist Jill und ich bin Jack und das halbe Blut von Sonne und Mond kocht in meinen Adern.
Name ist Schall und Rauch, doch manchmal heiße ich auch Frank oder Harvey. Dann habe ich lange Hasenohren und spitze Zähne, bin manchmal weiß und manchmal schwarz, trage in seltenen Fällen sogar eine Uhr bei mir. Ich bin dein imaginärer Freund, mit dem du reden kannst, wenn niemand sonst dir zuhört. Ich bin Jack im Versteck, aber auch Jekyll und Hyde, bin das tausendfach Gute und Böse in dir, der Voyeur deiner Kindertage. Du hoffst, dass du mehr wie ich sein kannst, die perfekte Maske des Ichs, das du innerlich, aber nicht nach außen bist.
Du bist nicht wie ich. Aber ich bin halb wie du. Zum Schluss steht nur ein halbes Ende.

Donnerstag, 19. März 2009

Für Ihn

Vorlage für den Einzelteil
Selbst-los

Tief versunken im eigenen Verlangen. Anonyme Köpfe zur Einheit verschmolzen. Wie auf See schiffbrüchig Treibenden. So erging es den brandenden Massen der Leiber, die dort in den seelisch aufbrechenden Wogen verweilten. Sie ergaben sich in ihre Schwäche, waren von einem innig durchdringenden Gefühl ergriffen zu einem Mann, der als einzige verlorene Planke in den Wellen zu treiben schien, belastet mit dem Wissen, nichts tun zu können, hilflos verirrt in ihren Gedanken. Es war wie ein Schluchzen, ein unterdrücktes Weinen, das sich als Schrei in der Kehle sammelt, darauf wartend, hervordringen zu können. Verdammt zu sein zum Schweigen und Ertragen, es suhlte sich in ihrer Verzweiflung. Die Menschen tropften aus ihrer Realität, waren aufgelöst in Verlorenheit. Ihr wild hämmerndes Herz pulsierte durch die Betroffenheit einzig und allein für diesen Mann.
Doch der Gekreuzigte wandte seinen Blick ab und starb.

Samstag, 30. Juni 2007

Rothenburg

Warnung! 
Trigger: Gewalt, Kannibalismus


Vorlage für den Einzelteil
XXX

Basierend auf dem Film "Cannibal"

Gefühlsdokumentation vom Roten Turm

Er versucht ihm den Penis abzubeißen, doch abgesehen vom Blut, das auf den Boden tropft, und dem teils schmerzlichen, teils lustvollen Schrei, welcher sich der Kehle des nackten Mannes entwindet, bricht nichts aus dem geschundenen Körper hervor. Beide Männer atmen schwer, bis der eine es schafft, die Qual aus seiner Stimme zu verbannen, um verächtlich zu sagen:
„Du bist zu schwach.“
Dem anderen rinnen bereits die Tränen über das vom Schweiß glänzende Gesicht, aber das Schluchzen unterdrückt er. Kurz entschlossen greift er nach dem Messer, welches neben ihm auf den kalten Steinplatten liegt, und setzt dessen gezackte Klinge unter der in Erektion zitternden Eichel an.
Er hält die fleischliche Spitze mit den Fingern fest und drückt das scharfe Metall gegen die Haut des Gliedes, bevor er nach einigem Zögern zu schneiden beginnt. Mühsam werden die Muskeln durch die sägende Bewegung auseinander gerissen. Weiteres Blut klatscht zur Erde. Jeglicher Schmerz wird gierig von den Drogen aufgesogen, welche seine menschliche Hülle in einen undurchdringlichen Nebel hüllen. Die mit den Misshandlungen verbundene Pein ist taub geworden, nur noch dumpf wahrnehmbar.
Wie Regen prasseln die Geräusche auf ihn ein. Ein angenehmes Rauschen dringt von außen zu seinen Ohren durch.
Und dann ist alles um ihn herum still.
Ein weicher Klang mischt sich in seinem Kopf sind lauter Gedanken die er kaum mehr zuordnen kann und die ihn bestürmen nun Wogen aus Schmerz und einer unbeschreiblichen Befriedigung und etwas dass er nicht definieren konnte wie grauenvoll sein Tod wirklich sein würde wusste er am Anfang nicht auch wenn er sein Leben zu etwas Besonderem machen wollte damit er ein Teil von einem anderen Menschen war ein Teil von einem anderen Menschen zu sein in ihm sein ihm innerlich sein nicht mehr allein nie mehr allein ein Teil ein Teil vom Menschen ohne Einsamkeit.
Ein Teil von dir

Mittwoch, 9. Mai 2007

Projektwoche 2006

Vorlage für den Einzelteil
Koyaanisqatsi

Die letzte Projektwoche für unseren dreizehnten Jahrgang.

Willkommen im Labyrinth, in dem "die Welt aus den Fugen gerät". Denn genau das bedeutet Koyaanisqatsi. Nachdem die Mitglieder des Roten Fadens noch am Morgen die Lesung mit dem Thema "Zwangsjacken sollten maßgeschneidert sein" in einem dafür umfunktionierten Klassenraum abgehalten hatten, mussten wir es bis zum Mittag schaffen, in jenem Raum das Gestell für unser Labyrinth aufzubauen. Niemals hätten wir trotz Hoffnung erwartet, dass das Holzgestell dafür halten würde, aber von unserer wackeligen Gesellschaft erwartet man schließlich auch, dass sie jeden Moment zusammenbricht.
Nun, meine Damen und Herren, treten sie ein.

Wer nicht stehen bleibt, wird erschossen verachtet!
Das steht auf einem alten Schild an der Tür. Daneben, an der Wand findet sich der Hinweis:
Folge dem Roten Faden.
Du betrachtest den dicken Strickfaden, der in das Innere des Raumes führt. Vorsichtig betrittst du die Schwelle und begräbst dabei ein großes Blatt Papier unter deinen Füßen.
Zitate sind das Grab des Gedankens.
Als nächstes berühren deine Schuhe Zeitungspapier, das über den gesamten Boden ausgebreitet ist. Vor dir stehen Stühle, die mit weißen Laken bedeckt sind. Rote Pfeile zeigen nach links. Auch der Rote Faden windet sich in dieser Richtung weiter. Du gehst ihm nach und trittst ein in ein mit Laken überspanntes Gestell. Du siehst nichts mehr, nur noch die wenigen Meter um dich herum. Du befindest dich im Labyrinth von Koyaanisqatsi.
Der rote Faden endet auf den ersten Stufen einer wackeligen Leiter, die mitten im Weg steht. Daneben ein weiteres Schild:
Es liegt in der Natur des Menschen Karriere zu machen.
gez.: die Erfolgreichen

Auf dem Boden liegen abgenutzte Kuscheltiere, noch immer mit Wäscheklammern an einer Leine befestigt. In die Bäuche und Köpfe der Plüschfiguren und Puppen sind Notizzettel mit Nadeln gestochen worden. Geschändet. Kinderlachen. Blut. Erwachsen. Die Worte auf diesen Zetteln vermischen sich mit den vielen Buchstaben, welche bereits durch das Zeitungspapier auf dem Boden deine Sinne vernebeln. Zeitungen aufgeklebt auf riesigen Pappen, die sich die Wände entlangziehen. Weitere Sprüche und Zitate bedecken auf Plakaten jeden freien Platz und versperren dir auf unzähligen Schildern den Weg.
Reklame, Propaganda, der Irrsinn unserer Zeit auf wehrloses Papier gepresst.
Du gehst durch ein paar bemalte Tücher hindurch, um eine Ecke. Schließlich zweigt sich der Weg. Vor dem einen Gang hängt ein Schild herunter, auf dem steht:
Kleine Fabel.
Bitte eintreten.

Du trittst ein und bleibst vor einer Sackgasse stehen, in der sich nur ein Kinderstuhl befindet. Als du dich umwendest, um zu gehen, fällt dir die Rückseite des Schilds über dem Eingang auf.
Du musst nur die Richtung ändern.
Darunter befindet sich ein großer Katzenkopf mit weit aufgerissenem Maul und spitzen Zähnen. Du kannst froh sein, dass deine eigene Endstation noch nicht an diesem Punkt ist. Aber vielleicht erinnerst du dich in genau diesem Moment daran, dass die letzte Ausfahrt auch an dir vorbeigehen wird.
Du gehst weiter und begegnest verschiedenen Gegenständen, zur grotesken Darstellung ihrer Selbst auf kleinen Podien aufgebaut. In einer weiteren Sackgasse befindet sich ein Holzkopf mit ausgebreiteten Armen, Reklame auf der Brust klebend. Eine Pistole liegt direkt daneben, aus deren Mündung sich eine Zeitung rollt. Bild dir deine Meinung - Wozu solltest du auch eigenständig denken, wenn andere das genauso gut für dich übernehmen können?
Unter deinen Füßen knirscht es, während du dich von herabhängenden Spinnweben befreist. Unzählige feste Glaskristalle sind über den Boden verteilt, als hätte jemand den Rahmen eines Bildes fallen lassen. Endlich kommst du aus der Dunkelheit in den hinteren Teil des unkenntlichen Klassenzimmers, der von einem zur Decke gerichteten Scheinwerfer erhellt wird. Wieder Schilder.
Straße des Erfolgs
Lebensweg
Vor dir wurden auf dem Boden Wackelbretter in einer Reihe aufgestellt, verstärkt durch hohe Sprungfedern. Auf dem ersten Brett direkt vor deinen Füßen steht in Leuchtbuchstaben Konjunktur, auf dem nächsten DDR. Das Holz ist schon ein wenig staubig von den Schuhen vieler Leute.
An einer Holzlatte hängt ein großes Plakat.
Erleben Sie das Gefühl sozialer Sicherheit.
Darunter ein kleinerer Hinweis, der mit einem Pfeil auf den schmalen Weg neben den Wackelbrettern zeigt.
Für die Ängstlichen:
Weg des geringsten Widerstands

Nach kurzem Zögern entscheidest du dich für den schweren Weg und stellst deinen Fuß auf das erste Brett. Du versuchst mit den Armen deinen Körper auszubalancieren. Beim zweiten Schritt verlierst du fast das Gleichgewicht, allerdings fängst du dich und meisterst das Hindernis. Auf der anderen Seite erwarten dich seltsame Gerätschaften, mit Bildern beklebte Pappscheiben, an denen du drehen kannst. Das Rad eines Fahrrads wurde auf einer Stange befestigt, daneben ein weiteres Schild.
Einmal am Rad drehen - 50 Cent
Du hörst seltsame Geräusche, die wie Musik aus einem alten Radio klingen, dann wieder wie priesterlicher Gesang und schließlich wie das Klopfen in einem Bergwerk. Die Musik berieselte dich schon die ganze Zeit, während du durch das Labyrinth gingst. Nun betrachtest du die alten Schränke und herunter gelassenen Rollläden, an denen weitere Werbezeitschriften befestigt wurden. Ihre bunte Farbe wirkt in dem schummrigen Licht irgendwie verwandelt und grotesk. Du liest ein Wort.
Konsumgesellschaft
Ein rohes Stück Fleisch neben einer Einbauküche und der dazu passenden Stehlampe im Wohnzimmer. Unterwäsche mit Spitze über dem SyncMaster 171N und einem neuen Roman von Rosamunde Pilcher. Weitere Plakate schleudern dir ihre Weisheiten, Phrasen und Sprichwörter ins Gesicht, sodass du kaum mehr aufnehmen kannst, was du liest.
Die Musik hämmert in deinem Kopf und du gehst weiter.
Eine seltsame steinerne Fratze blickt dich von der Tiefe eines Stuhles aus an. Vor dir ist ein Altar aufgebaut, beleuchtet durch eine Schwarzlichtlampe. Auf dem großen Triptychon darüber ist die Gestalt eines in rote Farbe getränkten Menschen abgebildet, der wie an ein Kreuz genagelt erscheint.
Du lässt den letzten Durchgang des Labyrinths hinter dir, an dem Tücher mit den Symbolen des Kommunismus herunterhängen und mit bunten Motiven bemalte Kinderdecken.
Nun ist der Boden von weißen Laken bedeckt. Unregelmäßig ist alles, auch die Tische und Stühle mit weißen Laken bedeckt, ein Mülleimer steht einsam darin.
In der Ecke steht ein Fernseher und zeigt Bilder von unserer Gesellschaft. Menschen gehen durch die Straßen, arbeiten, stehen in Untergrundbahnen und sitzen in Autos. Die Bilder verschnellern sich, Tag wechselt zur Nacht, Nacht zum Tag. Arbeitsabläufe kehren immer und immer wieder. Menschen strömen aus ihren Häusern, weichen einander aus, stoßen zusammen. Rolltreppen funktionieren verlassen, auch ohne dass sie betreten werden, dann füllen sie sich und tragen die Last der großen Anonymität. Immer schneller zieht das Leben vorbei. Dennoch verändert sich nichts.
Du wendest den Blick vom Fernsehbildschirm ab und schaust zur Tür.
Nur einen kurzen Moment hältst du inne, dann trittst du heraus aus dem Labyrinth Koyaanisqatsi.
Und nichts hat sich geändert.

Dienstag, 30. Januar 2007

Zwischen Dom und Blocksberg

Vorlage für
Zwischen Dom und Blocksberg

Ich stellte mir vor, Faust hätte vor dem Dom gestanden und Margarete beobachtet, als diese von ihrem eigenen Gewissen gepeinigt wurde. Eben noch hatte Faust Valentin getötet und bald würde ihn Mephistopheles der Begierden des Blocksberges aussetzen...


Vor dem Dom

FAUST (Gretchen betrachtend).
So seh' ich unter vielen sie verweilen,
Meine Liebe, die so keiner andern gleicht
In ihrer Reinheit, vor der selbst die Sünde weicht,
Und dennoch mag sie ihre Wunden nicht zu heilen.
Da ich doch selbst wohl schuldig bin,
Muss ich mich hier vor ihrem Glanz verbergen?
Ihr holder Hain stirbt unter Leichensärgen,
Mutter und Bruder liegen schon darin.
Den Tod der ersten tat Grete nicht von eigner Hand,
Doch will sie trotzdem dafür Buße tun.
Der Tod des zweiten ließ den Dolch in meinen Händen ruhn,
Sodass sich dieser Liebe Kleid mit Blut verband.
Den unberührten Schoß, den ich ihr nahm,
Stahl ich mir wie ihr ganzes Leben.
Voll Ehrfurcht wollte sie mir alles geben,
Ich, ohne Skrupel, sie, ohne Scham,
So starb in ihren Armen auch mein Streben.
Sind nicht der böse Geist, der mich umgarnt
und der auch ihr den Sinn ließ dunkel sein,
Sowie der Herr, der uns vor keinem Unrecht hat gewarnt,
Die eigentlichen Täter unsrer Pein?

Sonntag, 1. Mai 2005

Rezitatorenwettstreit 2005

Vorlage für den Einzelteil
Frühling, Sommer, Herz und Kinder


Ihr sitzt auf einem der vielen Stühle im Saal der Aula. Aus den unteren Klassen haben die ersten Rezitatoren des Wettstreites an dieser Schule schon vorgetragen. Die Theatergruppe und der Chor sind ebenfalls mit ihren Auftritten fertig. Nun ist die Pause vorbei und Ruhe kehrt langsam in den Saal ein.
Auf der Erhebung vor den im Saal Sitzenden steht ein Stuhl. Auf ihm sitzt eine Schülerin, klein, kurzen Haars. Sie trägt einen bordeauxfarbenen Rock, ansonsten schwarz. Ihr Gesicht ist betreten gesenkt. Sie ist die Mutter.
Neben ihr liegt eine weitere Schülerin, groß, gekleidet in ein schwarzes Kleid, barfüßig. Ihre Augen sind verschlossen.
„Ich weiß nicht, was passiert ist“, sagt die Mutter und wendet sich damit ernst an die Zuschauer, an euch. „Was soll denn auch passiert sein?“ Ihre Stimme wird fast trotzig. Sie beschimpft euch.
„Sollten Sie mir das nicht sagen?“
Was meint ihr? Seid ihr dafür verantwortlich, der Mutter zu sagen, was passiert ist? Sollte sie das nicht selbst wissen?
„Ich weiß es nicht.“ Das ist ihre Antwort. Sie glaubt, sie weiß es nicht.
„Sie war doch meine Tochter“, ruft sie euch verzweifelt zu. „Wie konnte das geschehen?“ Die Frage verhallt leise im Saal. Verstört nimmt die Mutter die Hände vor das Gesicht. Sie sieht nicht, dass das Kind, welches neben ihr liegt, die Augen öffnet und sich langsam erhebt.
Sitzend schaut es zur Mutter und fragt leise, naiv:
„Mama?“
Die Mutter schreckt hoch, steht vom Stuhl auf. Der Schreck weicht jedoch schnell. Sie schaut ihr Kind überfreundlich an, geht ein paar Schritte auf es zu und spricht:
„Na, was ist mit dir?“
„Mama?“, lächelt das Kind eindringlich zurück.
„Ich weiß“, sagt die Mutter liebevoll und wendet sich halb von ihrem Kind ab, „dass dir nie…“
„Mama?“, fragt das Kind ungeduldig hinein.
„Dass dir nie etwas passiert ist, denn…“, fährt sie unbeirrt fort.
„Mama?“ Es hört der Mutter nicht zu, fällt ihr ins Wort.
„Denn ich bin…“
„Mama?“
„…ja immer bei dir.“
„Mama?“
„Sei still!“
Sie ist wütend, verständlicherweise, oder? Ihr Kind schweigt erschrocken.
Nun ist sie wieder freundlich.
„So ist es brav“ In ihrer Stimme schwingt ein herrischer Ton, der sich nun in lächerliche Hebammensprache wandelt:
„Mami will doch nicht, dass dir etwas zustößt.“ Ihr Blick wird glasig, sie schaut über das Publikum und redet plötzlich in Gedanken versunken:
„Nein… das will sie nicht.“
Das Kind, noch immer sitzend, beobachtet die Mutter, wie sie langsam zu dem Stuhl zurückweicht, sich darauf niedersinken lässt und den Blick euch zuwendet. Sie scheint die Fassung wiederzugewinnen.
„Sie hätten ihr helfen müssen!“ Das ist allerdings eine harte Beschuldigung. Lasst euch das durch den Kopf gehen. Es lag an euch. Warum habt ihr nicht geholfen?
„Ich will wissen, wer der Schuldige ist!“ Das will man immer wissen. Bei wem liegt die Schuld? Wer ist schuldig?
„Wer hat das meiner Tochter angetan?“ Sie spricht langsam, sehr ernst und schaut nun über die Menge. Ihre Augen bleiben an manchem Gesicht hängen, auch an eurem. Die Mutter blickt euch in die Augen. Sie hat euch erkannt. Ihre Miene spiegelt Verzweiflung wider, während sie euch anschaut. Das Kind erhebt sich aus seiner sitzenden Lage und betrachtet kniend seine Mutter.
„Ich habe sie doch geliebt“, sagt sie. Hört ihr das? Es sollte euch wehtun, daran zu denken. „Ich habe meine Tochter geliebt.“
Neugierig fragt ihr Kind erneut:
„Mama?“
„Halt den Mund!“ Mit wutverzerrtem Gesicht ist sie aufgesprungen.
„Mama?“, entgegnet das Kind ängstlich.
Seine Mutter dreht sich um, legt die Hände auf die Ohren und spricht apathisch flüsternd immer wieder die Worte:
„Halt den Mund. Halt den Mund…“
„Mama?“ Das Kind fragt verstörter, flehend, „Mama?“
„Halt den Mund“, redet sie beschwörend zu sich selbst.
„Mama!“, schreit das Kind nun endlich.
Sie hält inne, wendet den Blick verwirrt zum Kind, schweigt. Dieses schaut sie beschuldigend an und ruft dann fordernd:
“Lutscher!“
Erneut kehrt die Mutter zu ihrer Hebammensprache zurück und antwortet:
„Aber nein, mein Kleines. Das ist nicht gut für dich. Das ist schlecht. Ich will doch nicht, dass dir etwas zustößt“, ihre Stimme wird leiser, „Ich muss…“
Sie weicht wieder zurück.
„… doch schließlich auf dich aufpassen.“
Scheinbar erschöpft lässt sie sich auf den Stuhl fallen und wendet sich wieder dem Publikum zu. Das Kind kniet weiterhin, während es seine Mutter fragend betrachtet. Diese ruft nun aufgebracht in die Menge:
„Sie wollen mir die Schuld in die Schuhe schieben? Ich will wissen, wer meine Tochter umgebracht hat und sie beschuldigen mich!? Ich liebe meine Tochter...“
Von ihr unbemerkt erhebt sich das Kind langsam und steht bald darauf aufrecht. Seine Mutter fährt fort:
„Ich würde ihr das niemals antun. Halten sie den Mund!“ Den letzten Satz schreit sie fast.
„Mutter?“, fragt das Kind erwachsen und ernst.
Erschrocken dreht sie sich zu ihm um, bleibt jedoch sitzen und spricht verwirrt und ängstlich, als sei ihr Kind das Unheil selbst:
„Was willst du hier?“
Freundlich lächelt das Kind und geht auf seine Mutter zu. Noch immer bleibt sie sitzen, als ihre Tochter sie zu umkreisen beginnt und fröhlich singt:
„Sie geht um den Kreis, sodass niemand es weiß. Wer sich umdreht oder lacht…“
Das Kind bleibt stehen und lacht. Die Mutter wendet den Blick ab und schaut vor sich auf den Boden. Gedankenversunken redet sie vor sich hin, man kann nicht sagen, mit wem sie spricht:
„Ich wollte nicht, dass das geschieht. Ich habe doch immer auf sie Acht gegeben. Es war nicht meine Schuld. Ich würde so etwas niemals tun. Ich liebe meine Tochter.“
Für den Zuschauer avanciert das Gerede fast du einem Brabbeln. Das Kind steht neben dem Stuhl und betrachtet seine Mutter, bevor es sich dem Publikum zuwendet und in überzeugtem Ton sagt:
„Meine Mutter liebt mich.“
Apathisch beginnt diese den Satz:
„Ich liebe sie wirklich…“
„…Wirklich“, beginnt das Kind zur selben Zeit, „Sie liebt mich.“
„Ich wollte nicht, dass das geschieht“, sagt euch die auf dem Stuhl Sitzende verzweifelt.
„Sie wollte nie, dass das geschieht“, pflichtet ihr das Kind bei, doch unterdrückte Verachtung mischt sich in seine Stimme, „Sie hat immer auf mich Acht gegeben. Es war nicht ihre Schuld.“
„Es war nicht meine Schuld“, sagt die Mutter leise.
„Sie würde so etwas niemals tun“, erklärt euch ihre Tochter weiter, „Sie würde mich niemals schlagen, weder mit dem Kochlöffel noch mit dem Kleiderbügel.“
„Das würde ich niemals tun“, beschwört die Mutter lauter.
„Sie würde mich nicht auf dem Balkon schlafen lassen, damit ich sie nicht mehr störte.“
„Das würde ich niemals tun.“
„Sie würde nicht meine Hände auf die Herdplatte drücken, wenn sie wütend ist.“
„Das würde ich niemals tun.“
„Sie würde mir nicht die Hände um den Hals legen und zudrücken, damit sie endlich ihre Ruhe vor mir hätte.“
„Das würde ich niemals tun.“
„Sie…“, das Kind zögert und fährt nur sehr langsam fort, „…hätte mich niemals umgebracht.“
Die Mutter öffnet den Mund, als wolle sie etwas sagen, schaut über das Publikum und schweigt. Betreten schaut sie zu Boden und senkt immer weiter den Blick.
Das Kind läuft hinter dem Stuhl der Mutter entlang auf die andere Seite, scheinbar tief in Gedanken versunken. Schließlich bleibt es stehen, schenkt den Zuschauern ein Lächeln und sagt:
„Das hätte sie niemals getan.“

Samstag, 1. Januar 2005

Neujahr

Vorlage für die Einzelteile
Dinner for One und
Anders mit offenen Armen

Und wieder ist ein Jahr vergangen, die Pforten zu neuen Vorsätzen sind geöffnet, alte Meinungen können abgestreift werden… kurz: ein neues Leben beginnt.
Wie haben Sie Ihren Jahreswechsel vollzogen? Doch hoffentlich auf angenehme Art und Weise, denn mich persönlich stimmt diese Wende immer traurig. Manche Leute sitzen jedes Jahr im Wohnzimmer und sehen sich Dinner for one an, wobei fast, ich betone fast, allen Zuschauern die allzu tragische Gegebenheit dahinter entgeht. Man trinkt, man plaudert mit Bekannten oder bleibt allein. Nun gut… man besäuft sich, streitet mit Bekannten und bleibt allein. Doch möchte ich nicht pedantisch erscheinen. Letztendlich sind das auch nur Bagatellen im Anbetracht der Wucht des alten Jahres, in diesem Fall des Jahres 2004, das sich unaufhaltsam in den Abgrund der Vergessenheit stürzt.
Meist steht zu dieser Stunde der Weihnachtsbaum noch im Wohnzimmer, direkt neben dem Fernseher, auf dessen Bildschirm eine der unzähligen Silvestersendungen läuft. Der geschmückte Baum sieht jetzt schon ziemlich lächerlich aus, da er entweder bereits nadelt oder, falls er unecht ist, sowieso nur dümmlich krumm im Wege steht. Sollte man keinen Baum besitzen, macht das die ganze Situation auch nicht weniger trostlos.
So bald sich alles dem Ende entgegen neigt, steht man gemeinschaftlich im Wohnzimmer, jeder ein Glas von dem billigen Sekt in der Hand, da man nicht das Geld hatte, sich Champagner zu leisten, und zählt den Countdown in der Flimmerkiste herunter.
… Drei … Zwei … Eins … Null!
Alles jubelt. Jeder tut so, als würde er sich freuen. Man stößt extra lang mit den Sektgläsern an, um es noch ein wenig hinauszuzögern, sich das Gesöff in den Rachen gießen zu müssen. Viele nutzen dann die Methode, auf Freundschaft, wie es im Volksmund heißt, zu trinken, damit es hoffentlich nicht auffällt, dass man nur kurz am Glas nippt. Es sei denn, man war so klug, sich vorher zu betrinken, dann schmeckt das Zeug nur halb so schlimm.
Schließlich gehen alle nach draußen, man schaut dem Feuerwerk zu oder beteiligt sich sogar aktiv daran. Jeder Mensch hat dieses bestimmte Glitzern in den Augen. Sie wissen schon, was ich meine: die Tränen in den Augen, da man den Sekt gar nicht so widerlich in Erinnerung hatte. War das im letzten Jahr auch schon so gewesen?
Nun steht man auf der Straße, blickt sich um und erkennt viele neue und alte Gesichter. Dort ist der Nachbar, das ist der Enkel, den vorbeilaufenden Mann kennt man nicht … und plötzlich denkt man sich: Eigentlich … ja, eigentlich kennen wir uns alle gar nicht, diese Leute sind wie Fremde. Jeder einzelne.
Im nächsten Moment geht man noch einen Schritt weiter. Das Jahr ist vorbei. Wie war es überhaupt? Hat man irgendetwas erreicht? Sie wissen sicher, wovon ich spreche.
Wussten Sie, dass sich zu Neujahr unglaublich viele Selbstmorde ereignen? Es ist erstaunlich … es gibt tatsächlich noch kluge Menschen, denen eines klar ist: das letzte Jahr war beschissen, das nächste wird auch nicht besser sein. Auf ein Neues? Gute Frage…
Dazu kommt die Tatsache, dass man an jeder Ecke einer Uhr begegnet. Alles ist vergänglich - muss man daran auch noch jede Sekunde erinnert werden?
Also dachte ich mir in diesem Jahr, man könnte auf die Familie auch verzichten. Es hat hervorragend funktioniert, wie sich schnell für mich herausstellte.
Meine Partnerin und ich entschieden uns, zu meinen Freunden zu gehen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Freunde sind nicht nur Bekannte. So fremd man ihnen ist, so nah steht man ihnen auch. Blut ist dicker als Wasser? Das ließe sich überdenken.
Natürlich ließen meine Partnerin und ich nicht davon ab, schon im Voraus ein wenig intus zu haben und nicht allzu früh auf der Feier zu erscheinen: Wir beide kommen lieber stilvoll zu spät.
Doch endlich dort angekommen, nur ein wenig angetrunken, starrten uns unbekannte Gesichter entgegen, ein paar Typen, die es schick fanden, sich mit einem Bier in der Hand auf der Treppe zu sammeln. Wortlos gingen wir an ihnen vorüber und wurden von der Gastgeberin mit den Worten begrüßt: „Gott, ich bin schon so betrunken. Und ich habe mit R. rumgeknutscht.“
Zur näheren Erläuterung: R. ist eine Freundin von meiner Seite, die auf Oldies steht, die dementsprechenden Klamotten trägt und ansonsten Tiere und Pflanzen mag. Desweiteren sagte sie mir einst, sie stehe nicht auf Titten … so viel dazu.
W., die Gastgeberin, ließ es sich nicht nehmen, das Gesagte noch in der Tür zu demonstrierten. Das war also unser Einstieg.
Durch die Wohnung dröhnte Rammstein und an einigen Stellen saßen suspekte jugendliche Männer, die wirkten, als seien sie von der Straße aufgelesen worden. Wir betraten das Zimmer der Gastgeberin nicht ohne Schwierigkeiten, da einer der Jugendlichen direkt vor der Tür lag. Sein Mund war von etwas Rotem verschmiert, als er sich schwerfällig erhob und mit einem anderen Kerl aus dem Zimmer verschwand. Keine Sorge, das dient nicht zu Ihrer Beunruhigung. Mir schien es nur eben erwähnenswert.
W. lag mittlerweile auf dem Bett und war damit beschäftigt, einem Mädchen die Zunge in den Hals zu schieben. Wie? R.? Nein, das war U., die beste Freundin von W. Sie sind halt sehr, sehr gut miteinander befreundet … wie auch immer.
Wir sahen uns um.
Das einzige Licht in dem vollständig weißen Zimmer ging von Kerzen aus, eine Menge Fotos von Bands und Leadsängern hingen in schwarzweiß an den Wänden und Decken, Poster von den Murderdolls, Bilder von Luis Royo, ein Seil hing von der Decke. Falls es Sie interessiert: Die Frage, ob sie schon einmal versucht hätte, sich damit zu erhängen, verneinte W.
Wir setzten uns auf das Bett, sodass W. und U. ihr Spiel bald auf den Schoß meiner Partnerin verlegten. Nun gibt es erst einmal nur Belanglosigkeiten zu erzählen. An dem Bett waren übrigens auch Seile befestigt, an dem man bequem jemanden festbinden konnte. Meine Partnerin und ich … aber lassen wir das.
Interessant wurde es erst, als W. nach dem stumpfen Messer auf ihrer Kommode griff und es über ihren Arm zog. Die Schnitte waren normal, bluteten, sodass man damit auf ihrer weißen Haut malen konnte, was sich meine Partnerin und ich nicht entgehen ließen. Jedoch konnte man mit solch einem stumpfen Messer sowieso nicht mehr erwarten. Also gab ich ihr das meinige, welches sich zufälligerweise in meiner Tasche befand. Ein wirkungsvolleres Resultat stellte sich heraus. Der Abend schien nett zu werden, noch bevor es zehn Uhr wurde. Ich musste feststellen, dass sich das binnen kurzer Zeit verstärkt bestätigen würde.
W. kam auf die geniale Idee, gleich ihre Rasierklinge zu benutzen, damit es mehr brächte. Das hat es auch…
Meine Partnerin war im Nachhinein der Meinung, dass die Wunde, die sich unsere Gastgeberin am Oberarm zufügte, nicht breiter offen stand als ein bis zwei Zentimeter. Nun ja, für mich sah es bereits wie drei aus, aber ich denke, diese Täuschung stellte sich bei mir nur durch den Alkohol ein. Das Blut suppte noch nicht einmal heraus, nur das Fleisch wölbte sich nach oben, sodass die weisen Fettzellen die Wunde gänzlich ausfüllten. Lange würde der Körper nicht brauchen, bis er mitbekam, was passiert war. Jedenfalls sahen meine Partnerin und ich uns fragend an, während die Verletzte beteuerte, es sei nicht so schlimm, nur die Haut sei angekratzt. Ihre Stimme klang dabei sehr hysterisch. Dann wollte sie das Blut ablecken, woran ich sie natürlich hindert. Okay, so konnte die Sache nicht bleiben. Doch W. entschloss sich schon vor uns aufzustehen und ins Bad zu gehen, nicht ohne Blut auf der Kommode, dem Boden, dem Türrahmen und dem Albinohasen zu verteilen.
R., die als einzige andere Anwesende neben uns saß, sagte kurz, dass das Ganze widerlich sei, sie es aber nicht weiter interessierte. Damit war das auch erledigt und meine Partnerin und ich konnten der Verletzten ins Bad folgen.
Im Bad hatte W. bereits das Wasser aufgedreht, um ihren Arm darunter zu halten. Ich brauche die Gründe doch sicher nicht zu erklären, weshalb wir sie daran unbedingt hindern mussten: Die Wundverschließung würde nicht einsetzen, da Blut im Kontakt mit Wasser nicht gerinnt. Wollte W. sich umbringen, wäre das eine gute Methode gewesen.
Im nächsten Augenblick war sie wieder aus dem Bad in ihr Zimmer gerannt und fing an eine Mullbinde um ihren Arm zu wickeln. Ich nahm ihr die Arbeit ab, da sie sich nicht davon abbringen ließ. Eigentlich hätte man warten müssen. Vielleicht hätten meine Partnerin und ich es sogar in Erwägung gezogen, die Wunde mit einem Tacker zu schließen - das wäre am sichersten gewesen. Dann wäre ein Druckverband darüber gekommen und letztendlich die Mullbinde. Wir fingen also mit der Mullbinde an.
Den Druckverband holte meine Partnerin aus dem Verbandskasten im Zimmer, der übrigens nicht ohne Grund dort ist, und das Tackern ließen wir ganz. Nun war der Arm notdürftig abgeschnürt, auch wenn sich der Verband vom Blut bereits rot färbte.
„Irgendwie ist es lustig“, sagte meine Partnerin zu mir, „dass ich Blut an den Händen habe, das weder von dir noch von mir stammt.“
Als die anderen Anwesenden im Haus, darunter W.s Bruder, dies bemerkten, ging das Gehetze wirklich los. Irgendwelche Besserwisser meinten, dass eine Hauptschlagader getroffen worden sein könnte und dass W. ins Krankenhaus müsse. Diese wollte das allerdings nicht. Nichts lag ihr ferner. Verständlich.
Man schrie sie an, sie schrie zurück, einige Freundinnen von ihr weinten und meine Partnerin und ich tauschten amüsierte Blicke. Dann wurde sie ins Bad gezerrt und drei Männer, darunter ihr Bruder und der Bruder ihrer Freundin, redeten auf sie ein, um die Moralapostel zu spielen. Sie wusste sich nicht mehr zu helfen, kauerte sich zusammen und hörte irgendwann mit der Gegenwehr auf, um sich berieseln zu lassen, ohne Erfolg für die Apostel.
Während die weinenden Freundinnen in W.s Zimmer saßen und die Jungs sich mit W. im Bad eingeschlossen hatten, standen meine Partnerin und ich im Flur zwischen beiden Zimmern. Durch die Zimmer klang mittlerweile die Stimme von Ville Valo. Er sang Gone with the Sin, während wir an der Wand lehnten und belustigte Blicke austauschten. Lachen musste meinereiner jedoch erst, als ich auf das Schild an W.s Tür sah. Ein Bild hing dort von Samsas Traum, unter dem groß die Worte standen:
„Heute Nacht sterben wir!“
Wir? Nicht ganz…
Zeitsprung: Nach dem vielen Gerede, Geschrei und Blut saß man also wieder in W.s Zimmer. Noch immer dröhnte die Musik von HIM durch den Raum. Sehr passend.
Der Gastgeberin ging es so weit wieder gut und ich schloss kurzerhand die Wette ab, dass sie bis zum Jahreswechsel überleben würde. Das war auch der Fall. Sie überlebte.
Jedenfalls konnte sie mühelos und nur wenig schwankend von ihrem Bett aufstehen, als ich sie kurz nach Mitternacht mit einigen anderen in die Küche schleifte. Gut, wir hatten den Wechsel verpasst, aber was machte das schon? Alle standen halb betrunken in der Küche, wir hoben die Gläser und wünschten ohne Countdown, da das ein wenig zu spät gekommen wäre, ein schönes neues Jahr. Jeder goss sich das Billiggetränk in den Rachen und seltsamerweise schmeckte es gar nicht so schlecht … zumindest für mich. Der Alkohol in meinem Blut tat fleißig seine Arbeit.
Was gibt es sonst noch zu erzählen? Das Feuerwerk war schön von drinnen anzuhören, als wir uns kurz entschlossen zu fünft in W.s Bett legten, welches eigentlich selbst für zwei schon zu klein war. Die Handschellen in meinem Rucksack fanden in dieser Nacht leider keine Verwendung mehr, aber es war trotzdem nett.
Am nächsten Morgen war W.s Arm bereits ein wenig blau und eiskalt geworden, aber es würde schon gehen, wie sie selbst versicherte. Das erfuhr ich jedoch nur per Telefon, da meine Partnerin und ich uns bereits vorher dazu entschlossen hatten, besser zu Hause zu übernachten. Was mittlerweile mit ihrem Arm ist, weiß ich nicht. Ihr Bruder wird sie verpfiffen haben und dann muss W. wahrscheinlich, wenn sie sich nicht zu wehren weiß, wieder ins Sanatorium. Das geht mich jetzt allerdings nichts mehr an. Ich hatte mein schönes Silvester und nun bereite ich mich auf die Wucht des Jahres 2005 vor, mit einem Start, den ich mir besser kaum hätte vorstellen können.
Auf ein Neues? Aber immer doch…

Donnerstag, 9. Dezember 2004

Telefongespräch

Vorlage für
Telefonat mit dem Tod


Als Einstieg:

Dringlingling... Klick!
„Zum Geburtstag viel Glück. Zum Geburtstag viel Glück. Zum Geburtstag dir ...
Oh, ich habe deinen Namen vergessen.“
„Wer sind Sie?“
„Ah, danke. Zum Geburtstag dir, Wer-sind-sie. Zum Geburtstag viel Glück.
Alles Gute zum 31. Geburtstag!“
„Sie müssen mich mit jemandem verwechseln. Ich habe nicht...“
„Halt den Mund! Heute ist dein 24. Geburtstag.
Also ... ich habe ein Geschenk für dich. Was ist dir lieber? Schmerzen zuzufügen oder sie zu erleiden?
Du kannst das haben, was du am meisten hasst. Hi hi hi...
Alles Gute zum Geburtstag!“
Klack!
(Silent Hill 3)


Letztens habe ich ein interessantes Gespräch geführt.
Sie kennen diese Art von interessanten Gesprächen, die sich die ganze Zeit nur um ein Thema drehen, wobei beide Parteien entweder derselben Meinung sind und sich in ihrer Übereinkunft gar nicht genug bestätigen können oder wo besagte Parteien gegensätzlicher Meinung sind, diese jedoch nicht auf Falschheit zurückzuführen ist. Es geht also um Geschmack und Ansichten.
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Es soll tatsächlich Leute geben, die diesen Aphorismus ernst nehmen. Offensichtlich war die geschätzte Persönlichkeit jenes Geistesblitzes, insofern sie überhaupt existierte, ein Scherzkeks, wie für alle Beteiligten zu erkennen sein sollte. Geschmack ist eines der wenigen Themen, die man am ausführlichsten, kaum schöner ausgeschmückt und belegt, als Streitpunkt verwenden kann. Mit Verlaub, die eigenen Ansichten vertreten viele Menschen in intensivster Weise – ein professioneller Regentanz ist nichts dagegen. Gesprächsstoff geht nie aus, solange man um den eigenen Brei tanzen kann, ist es nicht so?
Ein einfaches Beispiel: Was haben Sie bis jetzt in diesem Bericht, von meiner Wenigkeit erzählt, gelernt beziehungsweise erfahren? Natürlich nichts. Allein vom eigenen Hauptgedanken abzuweichen ist eine Sache, die wohl nicht einfacher zu bewerkstelligen wäre, erst recht, wenn sich plötzlich die Prioritäten verschieben. Sehen Sie, was ich meine? In meinem ungeheuren Wortschwall ist es Ihnen gar nicht möglich, zu Wort zu kommen. Dabei habe ich mit meiner eigentlichen Erzählung noch gar nicht angefangen. Ich führe momentan quasi einen monologischen Dialog.
Und hier wären wir also bei meinem persönlichen Hauptgedanken: Gespräche.
Gespräche werden erst richtig interessant, wenn man den Partner dabei beobachten kann, seine Mimik, Gestik, ganz wichtig sind die Augen. Aber das wissen Sie sicher alles selbst. Außerdem sollen diese Einflüsse bei dem von mir geführten Gespräch ausgeblendet sein.
Es ist nämlich so, dass ich telefonierte.
Um auf den Punkt zu kommen: Ich telefonierte mit dem Tod.
Nichts Neues, denken sie jetzt sicher. Wieder ein Klischee, das im Grunde jeder vollzieht oder zumindest kennt. Nun, für mich war es durchaus etwas Neues. Ich hätte gehofft, diese bereichernde Erfahrung zu machen, bevor ich sterbe. Allerdings war es nach meiner Geburt schon zu spät. Sie kennen das – man stirbt sein ganzes Leben vor sich hin. Und irgendwann klingelt das Telefon, sie gehen ran und eine tiefe Stimme sagt zu Ihnen:
„Sie sind tot.“
Humbug, sicher doch. Aber anders könnte es doch gar nicht sein. Es wäre schön gewesen, hätte mich der Tod angerufen, um mir den Unterschied zwischen dem Sterben und dem Tod zu erklären. Hierbei hat er mich allerdings ausgespart.
Was blieb mir also Anderes übrig, als mich in mein Grab zu legen und anzurufen? Somit ist auch das 'Wo' geklärt: Ich lag in meinem Grab und telefonierte mit dem Tod.
Sie fragen sich, was dabei herauskam? Ich mich auch, das können sie mir glauben. Ich verweise auf den ersten Absatz – Tod und ich waren eindeutig nicht derselben Meinung. Worum es ging, spielt keine Rolle. Jedenfalls legte er kurze Zeit später wieder auf.
„Schlafen Sie jetzt. Sie sind tot.“
Logischerweise war ich erregt, wütend über so viel Unverfrorenheit. Warum hatte der Tod mich nicht angerufen, wenn mein Sterben nun endlich ein Ende hatte. Es hatte eindeutig kein Ende und ich wollte gerechterweise meinen Tod haben, den ich mir nicht nehmen ließ, nur wegen eines verpassten Telefonanrufes. Wenigstens Rache wollte ich. Eine sympathische Eigenschaft des Menschen: bekommt er seine Rache, dann geht es ihm wieder gut und alles scheint vergessen.
Am anderen Ende klingelte es. Tod nahm ab:
„Ja?“
„Sie sind tot“, versuchte ich.
„Ja, ich bin Tod.“
„Nein, Sie sind nicht Tod, Sie sind tot“, versuchte ich es weiter.
„Logischerweise.“
„Müssten Sie dann nicht an meiner Stelle hier liegen?“
„Warum rufen Sie mich zweimal an?“
Dass der Tod dazu neigt, auf Fragen immer Gegenfragen zu stellen, konnte ich mir schon denken. Also antwortete ich.
„Weil Sie es nicht getan haben.“
„Ich muss Sie doch nicht anrufen, damit Sie wissen, dass sie tot sind.“
„Ich dachte, sie seien Tod.“
„Ich bin beides.“
Der Tod seufzte, bevor er fortfuhr.
„Also, gut. So geht es auch.“
Jetzt merkte ich, dass ich gleichgültig wurde. Sie können mit Sicherheit erraten, was geschah: Ich hörte auf zu sterben.
Den Bruchteil einer Sekunde implodierten meine Gedanken, welche sie hier lesen konnten. Es ging (und geht Ihnen wahrscheinlich soeben) viel zu überstürzt. Warum das Wichtigste – das eigentliche Gespräch – weggelassen wurde, werden Sie selbst erfahren. Bei Ihrem eigenen Telefongespräch mit dem Tod.
Gute Nacht und auf Wiederhören.

Dienstag, 7. Dezember 2004

Performance im Literaturcafé

Vorlage für den Einzelteil
Querschläger


Zu der schulischen Projektwoche, die gänzlich von den Schülern geleitet wurde, war ich 2003 in einer Gruppe von vier Personen. Eigentlich eindeutig zu wenig Leute, aber in unserem selbsternannten Literaturcafé war diese Anzahl perfekt, wobei der krönende Abschluss aus einer inszenierten Performance bestand.
Stellt euch also vor, ihr betretet das Klassenzimmer zu einer von zwei Vorstellungen, da ihr durch das Schild an der Tür neugierig geworden seid: Eintritt erst ab 16. Nur ein Tisch steht in dem Raum, die Mitte ist mit Decken ausgelegt und ihr werdet gebeten, eure Schuhe auszuziehen, bevor ihr euch auf den Decken niederlasst.
Noch herrscht reges Geschwätz unter den Anwesenden. Manche schauen sich zögernd um und betrachten die vielen weißen Laken, die über Tisch und Stühle gelegt sind. Ein Fernseher steht in der einen Ecke, ein Projektor in der anderen, auf der gegenüberliegenden Seite sind zwei riesige weiße Plakate an Kartenständern aufgehängt, die die dahinter stehenden Schränke vollständig verdecken. Wo es nicht weiß ist, hängen unfertige Bilder, manche gezeichnet, einige primitiv gemalt, skizzenhaft, wie von Kinderhand.
Die Tür wird geschlossen. Ihr seht zu der Schülerin, welche ihr bis jetzt als einzige erkennen konntet, die etwas mit diesem Projekt zu tun hat. Sie ist völlig weiß geschminkt, geht an euch vorbei und stellt sich hinter den Fernseher auf einen Stuhl. Ihr seht sie an, doch sie beachtet euch nicht, sondern starrt nur weiter geradeaus.
Dann löscht sich das Licht. Einige neben euch erschrecken, ihr könnt sie nicht sehen und nehmt sie nur mit euren verschwommenen, sich langsam schärfenden Sinnen wahr. Man hört Kichern, leises Flüstern, das immer weiter verstummt, erstickt. Nach einer Minute herrscht Stille. Nichts passiert.
In der linken oberen Ecke erscheint plötzlich Licht. Eine Taschenlampe. Ein weißes Gesicht erscheint losgelöst über einem der Plakate in der linken, oberen Ecke, sieht auf euch hinab und sagt:
„Katzensex.“
Aus der rechten oberen Ecke miaut es, krächzend, verzerrt, kurz darauf faucht es hinter dem Fernseher, dann kreischt eine Katze in eurer Mitte. Die Laute klingen aus, das Gesicht in der linken Ecke redet weiter, erzählt euch, wie eine Katze vergewaltigt wird, wie deren Schreie durch den Nachmittag hallen, wie die Krallen des Katers sich in ihre Hüfte bohren, wie er tiefer in sie eindringt, je lauter sie schreit und wie er sie letztendlich liegen lässt. Das Licht der Taschenlampe erlischt.
Sogleich entzündet es sich hinter dem Fernseher. Ein Mädchen erzählt euch, wie sie unbeholfen mit ihrem Freund schlief, in einem heruntergefallenen Haus. Er grabschte hilflos an ihren Brüsten herum, verteilte seinen Speichel auf ihrem Hals und in ihrer Ohrmuschel, rieb sich an ihrem Körper, fummelte, sodass es ihr wehtat, schob seine Zunge in ihre Mundhöhle, saugte unbeholfen an ihren Lippen. Sie dachte daran, dass er stank und widerlich war. Er dachte vermutlich, dass er nicht wusste, was zu tun sei. Es war peinlich und sie hörten auf. Das Licht erlischt.
Das Klacken von Schuhen ist zu hören, als jemand, um die im Kreis sitzenden Leute geht, im Kreis, immer und immer wieder. Eine Taschenlampe geht an, man sieht die Person weiterlaufen. Sie redet mit fast besessener Stimme, belehrend, wie eine Mutter zu ihrem Kind, Geschichten von kullernden Augen, kullernd und kullernd. Von einer Massenseele in uns allen. Ihr schaut euch nicht um, als die Stimme direkt hinter euch ist, noch einmal, eindringlich, aufdringlich. Das Licht erlischt.
Ein Flüstern setzt ein.
„Das Monster“
Es flüstert von allen Seiten. Eine Stimme redet laut aus der rechten oberen Ecke, von dem Monster, in und um uns. Das Flüstern schwillt jedes Mal an, wenn die Stimme vor Angst von dem Monster schreit.
„Das Monster. Das Monster.“
Alles verstummt.
„Sich selbst.“
Der Projektor wird eingeschaltet und wirft sein Licht an die weiße Leinwand, verschwommen erscheint ein Bild, unscharf, ihr könnt es nicht erkennen.
„Bild eins.“
Eine präzise Erklärung folgt, man behandelt euch wie einen Studenten in einer Vorlesung. Nichts von dem Gesagten könnt ihr auf dem Bild sehen. Ihr könnt es euch nicht einmal bildlich vorstellen, was gesagt wird.
„Bild zwei.“
Die Prozedur wird fortgesetzt. Ein paar Farben, zusammengeklatscht, ohne etwas ausmachen zu können, vermischt auf einer weißen Leinwand.
„Bild drei.“
Die übergenaue Aussprache beginnt euch zu nerven, ein Sinn scheint nicht zu existieren.
„Bild vier.“
Ein neues Dia, vielleicht ein Mensch, vielleicht ein Berg, ein bisschen Sisyphos, ein wenig Meer. Doch endlich beendet der Lehrer den Unterricht. Projektor aus.
Der Fernseher wird eingeschaltet. Nur Schnee ist zu sehen. Eine beschuldigend lang gezogene Stimme mahnt euch. Auf einmal seid ihr ein kleines Mädchen, dass seine Puppe aus dem offenen Fenster eines Wagens geworfen hat, sodass sie nun auf dem weißen Mittelstreifen der Fahrbahn liegt, ihren nackten Hintern unter dem dreckigen Kleid in die Höhe gestreckt, hilflos, bald im Graben, bald vergessen. Von euch losgelassen, aus dem fahrenden Auto, ob beabsichtigt oder nicht.
„Wieso? Wieso hast du sie fallen lassen?“
Das Spiel geht weiter. Licht an, Licht aus. Kälte, Hass, Verzweiflung, Angst, Resignation. Alles in Form von sprachlichen Mitteln.
Die Deckenbeleuchtung geht an. Ihr reibt eure Augen. Um euch stehen die Leute auf, die mit euch dabei waren und dennoch alles ganz anders wahrnahmen als ihr selbst. Sehen diese Personen jetzt anders aus? Wahrscheinlich nicht, aber vielleicht...
Vielleicht wärt ihr gern dabei gewesen. Möglicherweise als Zuschauer oder als Schauspieler, als Opfer oder als Täter, auf den Decken, hinter dem Fernseher, auf dem Schrank, mitten unter uns allen.
Das seid ihr. Tagtäglich.