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Montag, 1. September 2014

Das Buch der Weisheit


Es heißt, wer dieses Buch, das von einem unbekannten Autor in lateinischer Sprache verfasst wurde, in seinen Besitz bringt, erfährt damit die allumfassende Wahrheit über diese Welt und erhält die Weisheit, wie sie sonst nur ein das menschliche Dasein transzendierendes göttliches Wesen besitzen kann. Man sagt, wer von dem Buch der Weisheit auserwählt wird, erlangt entweder die Weisheit, mit der er diese Welt regieren und beherrschen kann, oder aber ihn überkommt die fatale Eingebung, diese Welt zugrunde zu richten.

"Dieses Buch bringt das wahre Potenzial, das im Gehirn eines Kindes steckt, zum Vorschein. Unter geistig Behinderten oder Autisten gibt es in seltenen Fällen Menschen, die über außergewöhnliche Rechenfähigkeiten oder übermenschliches Erinnerungsvermögen verfügen. Im Grunde schlummert im Gehirn eines jeden Menschen ein solches Potenzial.
In diesem Buch wird beschrieben, welche Umstände nötig sind, um durch neue Verknüpfungen das Gehirn so umzupolen, dass es in der Lage ist, dieses Potenzial a posteriori auszureizen. Der Verfasser dieses Buches muss also ein ganz besonderes Genie gewesen sein... Vielleicht war er aber auch der Teufel?
Erinnerungsvermögen, Rechenfähigkeiten und dergleichen gehörten zu den Dingen, mit denen Religionsführer und Staatsmänner seit jeher das unwissende Volk geführt haben. Wer im Besitz dieser Fähigkeiten ist, hat jedoch gar nicht die Absicht, die Welt zu verbessern.
In uns könnte sehr schnell der Wunsch aufkommen, anstelle der ignoranten Erwachsenen über die Menschheit zu herrschen. Wenn wir das wollten, wäre das ein Leichtes für uns. Wir müssten einfach nur bei der Wirtschaft ansetzen. Erst durch schlaue Investitionen Geldmittel anhäufen und mit Termingeschäften weiter vermehren. Damit sind selbst in kurzer Zeit große Gewinne zu machen. Mit genügend Geld ist es dann ein Leichtes, auf die Politik Einfluss zu nehmen. Dann zettelt man in politisch instabilen Ländern Kriege an und macht auf diese Weise wiederum Profit. Man kann sich auch die Religion zunutze machen. Menschen in Sorgen und Not sind so leicht zu beeinflussen.
Aber wir werden das nicht tun. Denn was hätten wir denn davon, wenn wir die Menschheit beherrschten?
Wir wären damit Tag und Nacht beschäftigt. Aber wofür? Wir müssten schwer dafür arbeiten, die Herrscher der Welt zu werden, nur um dann womöglich Opfer von Attentaten durch unsere Untergebenen zu werden. Warum sollte es unsere Aufgabe sein, das ignorante Volk anzuführen? Da uns die Menschheit doch nur Steine in den Weg legt, wo sie nur kann. Wenn man sich die Wahrscheinlichkeit vor Augen hält, dass das alles gut für uns ausgeht, scheint das den ganzen Aufwand nicht wert. Und sollte es doch klappen und wir eines Tages unermessliche Reichtümer angehäuft haben, was machen wir dann? Uns auf die faule Haut legen und das Leben genießen? Das können wir auch jetzt schon. Völlig ohne die ganze Vorarbeit. Es wäre einfach nur dumm, sich solche Anstrengungen aufzubürden."

Der Grund, warum das Buch der Weisheit keine Gefahr darstellt, lässt sich mit einer einfachen Metapher veranschaulichen: Mit dem Spiel Drei gewinnt.

o o x
x x o
o o x

Alle Kinder spielen dieses Spiel mit großer Begeisterung. Als Erwachsener spielt dieses Spiel jedoch so gut wie niemand mehr. Warum ist das so?
Weil man nach einer gewissen Weile erkennt, dass dieses Spiel immer in einem Unentschieden endet, wenn man weiß, was man tun muss, ganz egal, ob man das Spiel als erster Spieler beginnt, und ganz egal, ob man als Kreuz oder als Kreis spielt.
Das kann man nun leicht auf die Kinder übertragen, die durch das Buch der Weisheit mit dem Verstand eines Genies gesegnet wurden. Wer das Buch der Weisheit liest und dadurch mit einem brillanten Verstand ausgestattet ist, wird sich unweigerlich für ein Leben des Nichtstuns entscheiden, weil alles ohnehin keinen Unterschied mehr macht.
Das Leben ist wie ein Spiel, aber man hat dabei nur einen Versuch. Wer die Zukunft nicht kennt, kann sich an Neuem versuchen, weil er zumindest weiß, dass nach einem Scheitern neue Möglichkeiten warten. Menschen mit außergewöhnlichem Intellekt neigen tendenziell eher zu Angstzuständen und Depressionen. Sie verzweifeln vermehrt an der hohen Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns, bevor sie sich einer Herausforderung stellen, was sie letzten Endes handlungsunfähig macht.
Vielleicht sollte man von den Menschen, die sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte einen Namen gemacht haben, weniger als Genies denken, sondern vielmehr einfach als Menschen, die nicht recht Verzicht üben konnten und besonders ausdauernd waren.

Bibliotheca Mystica von Mikumo Gakuto

Samstag, 14. Dezember 2013

Zufall und Schicksal

Zufall und Schicksal sind die zwei Seiten einer Medaille, gegensätzlich unterstützt von Realisten und Träumern. Manche sprechen davon, den Teufel an die Wand zu malen, und klopfen auf Holz, weil sie sein Erscheinen fürchten. Etwas Unheilvolles ausgesprochen zu haben soll die Ursache für das spätere Unglück sein. Gestern war Freitag, der 13te. Ein idealer Tag, um übergeordneten Mächten die Schuld an den zufällig passierenden Unfällen zu geben. Ich höre sehr oft, es könne gar kein Zufall sein, dass zwei scheinbar unzusammenhängende Ereignisse plötzlich aufeinandertreffen. Jeder kennt vermutlich diese Momente, in denen man zum Beispiel etwas sagt und das Gesagte zeitnah eintritt. Sobald jemand felsenfest behauptet, die Wahrscheinlichkeit sei zu gering, dass es sich hierbei um Zufall handelt, frage ich stets: Was soll es sonst gewesen sein? Schicksal?
Vielleicht wäre es interessant, jemanden mit Block und Papier loszuschicken, der eine Strichliste darüber führt, wann auf eine Aussage kein besonderes Ereignis folgt. Die sogenannten schicksalshaften Begebenheiten kämen dann vermutlich nicht einmal mehr auf ein Prozent. Da fragt man sich, ob es nicht schon ein unwahrscheinlicher Zufall ist, dass es von diesen Schicksalsereignissen nicht noch viel mehr gibt. In therapeutischen Fragebögen nennt man das „magisches Denken“. (Ich persönlich würde darunter auch jede religiöse Idee verbuchen.) Wie mir aufgefallen ist, suchen Menschen oft bei Zufällen eine Erklärung, die nicht kausal belegt werden kann. Man redet von Karma oder davon, dass jeder irgendwann bekommt, was er verdient.
In meinem folgenden Beitrag beschäftige ich mich allerdings nicht oberflächlich, sondern historisch philosophisch mit diesem Thema, das bereits im Naturalismus und Materialismus der Antike eine Rolle spielte, wenn auch keine, der damals sonderlich viel Beachtung geschenkt wurde. Alexander von Aphrodisias ist selbst schon kein Philosoph, der sich seiner Bekanntheit rühmen kann. Und Aristoteles hat darüber nur geschrieben, weil er über so gut wie jedes Thema irgendwann mal etwas geschrieben hat. Es wird ab hier also sehr theoretisch.
Alexander von Aphrodisias stellt in seiner Abhandlung "Über das Schicksal" zwei Positionen gegenüber, die das Wesen der Welt zu beschreiben versuchen, auf der einen Seite die stoische Schule und auf der anderen die Lehre von Aristoteles, welche Alexander selbst vertritt und verteidigt. Der Mensch ist diesen naturalistischen Theorien zufolge kein autonom agierendes Wesen. Im Zuge dessen liefern beide philosophischen Anschauungen verschiedene Definitionen für solcherlei Zuschreibungen wie das Schicksal, den Zufall oder die daraus erwachsende Frage der Verfügungsgewalt von Lebewesen. Letzteres wird dem Menschen sowohl von den Stoikern als auch von den Peripatetikern zugestanden. Auf den ersten Blick erscheint es wie ein Widerspruch, dass die Gemeinsamkeit dieser Philosophien in den Annahmen besteht, alle Ursachen seien kausal miteinander verbunden, aber es würden trotzdem Willensfreiheit und Selbstbestimmung existieren. Diese Antinomie wird meines Erachtens von den Positionen durch das Moment der Verfügungsgewalt gelöst, wobei die jeweiligen Begründungen differieren.
Ich greife deshalb nebenbei Aristoteles auf, weil Alexander von Aphrodisias in seiner Einteilung der werdenden Dinge die aristotelische Vorlage nachvollzieht, vielleicht sogar präzisiert. Besonderes Augenmerk legt er hierbei auf die Einordnung des Zufalls. Demnach wird dem Zufall das Schicksal entgegengestellt, obwohl beide auf ähnliche Weise über das Leben zu bestimmen scheinen. Die Eigenverantwortlichkeit des Individuums kommt natürlich auch wieder zum Zug. (Das ist ohnehin etwas, worüber ich stundenlang schwafeln könnte.)
Alexander von Aphrodisias legt fest, alles Werdende entstünde entweder mit einem Zweck respektive Ziel oder ohne ein solches. Unter den werdenden Dingen lässt sich sicherlich einiges aufzeigen, das ohne Ziel entsteht, wenigstens ohne erkennbares. Es wird allerdings die Frage aufgeworfen, ob eine derartige Entsprechung auch auf den Zweck angewandt werden kann. Schließlich kann das ziellos Werdende oder Gewordene trotzdem einen Zweck erfüllen, sobald ein Lebewesen, das sich damit konfrontiert sieht, ihm einen solchen zuschreibt. Alexander von Aphrodisias gibt keine genauere Definition dessen, was man sich unter einem Ziel oder einem Zweck vorzustellen hat und worin die Unterschiede zwischen beiden zu suchen sind. Die Bedeutung der zwei Begriffe soll an dieser Stelle eingeschränkt werden auf die Festlegung eines Endpunktes, des Weiteren auf ein aus Ursachen vollzogenes Ergebnis sowie auf das vom handelnden Lebewesen Angestrebte. Mehr Beachtung erhalten dagegen die um einer Sache willen werdenden Dinge. Diese wiederum unterteilen sich in naturgemäß Geschehendes, das den Grund seines Werdens in sich selbst hat, und vernunftgemäß Geschehendes, das seine bewirkende Ursache gerade nicht in sich selbst trägt und erst durch das Nachdenken darüber zustande kommt.
Abgesehen von den Aspekten aus Mathematik und Informatik, auf die ich hier nicht eingehen will, sind wir damit beim Random. Ist der Zufall als eine dritte Kategorie unter den Dingen einzufügen, die wegen etwas entstanden sind, oder gehört er den Bereichen der naturgemäß bzw. vernunftgemäß werdenden Dinge an? Folgendermaßen erklärt Alexander von Aphrodisias den Zufall als das, was anders geschieht, als es aus dem Grund, aus dem es geschieht, hätte geschehen müssen. Das Ergebnis des Zufallsereignisses unterscheidet sich demnach von dem zu Beginn angestrebten Ziel oder impliziert zumindest manches, das über das erste Ziel hinausgeht. Dieser Erklärung zufolge ist es besonders bei den vernunftgemäß werdenden Dingen anzunehmen, dass sie aus Zufall entstehen können, da Vernunft nur von Individuen getragen werden kann, die sich ihres Handelns und somit des zuvor geplanten Zieles bewusst sind, sodass diese Individuen darüber entscheiden und erkennen können, ob etwas aus Zufall mehr oder anders geworden ist, als es dem ursprünglichen Ziel entspricht. Hingegen ist eine Reflektion über das naturgemäß Passierende und dessen vorangegangene Zielsetzung sowie die vollständige Erkenntnis über die natürliche Ursachenverkettung nicht so einfach anzustellen. Dafür nämlich müsste vorausgesetzt werden, dass der Betrachter, der in dem naturgemäß eintretenden Geschehen einen Zufall zu erkennen vermeint, sich darüber im Klaren ist, welches Ziel die Natur in erster Linie verfolgte. Die Entschlüsselung der teleologischen Natur wiederum würde offenbaren, was aus Zufall verfehlt worden wäre. Es heißt, die Natur mache keine Fehler und würde alles treffend einrichten. Schon allein aus diesem Grund scheint eine zufällige Verfehlung nicht den naturgemäß werdenden Dingen eigen zu sein.
Das bedeutet, dass der Zufall den vernunftgemäß um einer Sache willen werdenden Dingen zugeordnet werden kann, auch wenn Alexander von Aphrodisias eine solche Zuteilung nicht eindeutig vornimmt. Die These soll anhand des Vergleiches mit den aristotelischen Ausführungen bestätigt werden. Zu der genannten Thematik äußert sich Aristoteles nämlich wie folgt:

„Das eine (das Zufallsereignis) hat seine Ursache außerhalb seiner, das andere (das Naturereignis) in sich selbst.“¹

Wenn das Zufallsereignis seine Ursache nach Aristoteles außerhalb seiner selbst hat, es demnach kein Naturereignis sein kann, dann kommt der Zufall den vernunftgemäß werdenden Dingen zu, deren Anfang und bewirkende Ursache für ihr Dasein außerhalb ihrer selbst zu finden sein muss. Denn Zufall kann es nur für vernünftige Lebewesen geben, die in der Lage sind, ihn in den Geschehnissen zu erkennen. Trotz dieser Zuordnung stellt sich die Frage, inwiefern sich der Zufall dieser Bestimmung folgend überhaupt von jenen werdenden Dingen unterscheiden lässt, die nicht um einer Sache willen, also ohne Ziel geschehen, da der Zufall eben kein Ziel zu erfüllen vermag, wodurch er letztlich auch erst als Zufall bezeichnet werden kann.
Im Gegensatz zu den Stoikern sieht Alexander von Aphrodisias nicht alles als starr festgelegt. Das Schicksal tritt seiner Meinung nach als wirkende Ursache auf, vergleichbar mit einem Künstler, der ein Kunstwerk erschafft. Diese Erklärung ist zurückzuführen auf die vier Ursachenarten bei Aristoteles, die alles Sein auf Stoff, Form, Zweck und Wirkursache zurückführen. Demzufolge entspräche das Schicksal dem Letztgenannten. Die scheinbar determinierende Gewalt des Schicksals wird allein deshalb, weil es lediglich eine Ursache unter anderen ist, bereits so weit eingeschränkt, dass sich das Individuum nicht mit dem Verweis auf die eigene Machtlosigkeit von jeder Verantwortlichkeit freisprechen kann.
Nichtsdestotrotz entzieht sich das Schicksal dem vernunftgemäßen Nachdenken des Menschen. Es ist nicht möglich, eine außerhalb liegende Ursache des Schicksals anzugeben. Aus diesem Grund muss es den naturgemäß werdenden Dingen angehören. Alexander von Aphrodisias geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er ausführt, Schicksal und Natur seien Dasselbe:

„Denn das Schicksalsverhängte ist der Natur gemäß, und das Naturgemäße ist vom Schicksal verhängt.“²

Erstaunlicherweise wird mit dieser Erklärung dem Begriff des Schicksals jeglicher mystisch übertriebene Beiklang genommen und ihm stattdessen ein rationales Fundament bereitet.
Würde jede Handlung des Menschen beispielsweise aufgrund des Schicksals aus Notwendigkeit geschehen, dann wären Überlegungen irrelevant und ohne Sinn. Die Natur würde mit der Vergabe der Vernunft sich selbst ad absurdum führen, was der Voraussetzung, nichts sei ohne Grund, zuwiderliefe. Den Menschen unterscheidet jedoch naturgemäß von anderen Lebewesen, dass er seine Wahrnehmung überprüfen und vermittels des Verstandes entscheiden kann, ob die Erscheinung auch wahr sei. Einer Katze erscheint es nicht fragwürdig, einem Lichtstrahl hinterher zu jagen, weil sie ihn für etwas Greifbares hält. Der Mensch aber ist in der Lage, zu deduzieren, dass es sich nur um die Reflektion der Sonne auf einem Stück Glas handelt. Ein weiteres Beispiel findet sich in optischen Täuschungen. Im Wasser erscheint ein Stab gebrochen, und obwohl der Mensch seine Wahrnehmung nicht derart korrigieren kann, um die Erscheinung an die Wirklichkeit anzugleichen, besitzt er doch die Entscheidungsgewalt darüber, das Wahrgenommene als falsch zu erkennen.
Die Stoiker begrenzen die Verfügung des Menschen darauf, dass er nach der Prüfung der Erscheinung aus innerem Antrieb seine Zustimmung geben könne. Alexander von Aphrodisias widerspricht dieser Argumentation, da hierin nur eine Freiwilligkeit zur Handlung gefunden werden kann, die genauso gut allen anderen Lebewesen zukommt, nicht aber eine Eigenverantwortlichkeit, die gerade der Natur des Menschen entspricht. Erst aus der Vernunft entsteht Verfügungsgewalt, weil der Mensch die Möglichkeit besitzt, auch das Gegenteil einer Handlung zu wählen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein Lebewesen, das nicht des Vernunftschlusses befähigt ist, kann das Vorliegen des Zufalls nicht ausmachen. Dazu gehört die Erkenntnis darüber, was das eigentliche Ziel des Geschehens hätte sein sollen, sowie das Wissen um jenes andere Ziel, das zwar nicht im gleichen Zusammenhang angestrebt, aber dennoch gewollt wurde. Anhand ihrer Eigenschaften determinieren Zufall und Schicksal das Werdende auf sehr ähnliche Weise. Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass der Zufall den vernunftgemäß werdenden Dingen zukommt und dementsprechend aufgefasst werden kann, wohingegen das Schicksal seine Ursache naturgemäß in sich selbst trägt. Zufall und Schicksal sind somit voneinander verschieden. Ihr Einfluss auf die menschlichen Handlungen wird insofern gehemmt, wie der Mensch sich entschließt, die Dinge als wahr oder falsch aufzufassen. Seine von der Natur gegebene Verfügungsgewalt gibt ihm mit der Vernunft das Mittel an die Hand, um die eine oder andere Handlung zu wählen.
Man könnte es auch anders formulieren: als ein Naturgesetz. Löst sich ein Blatt vom Ast, dann ist es gleichsam Zufall wie Schicksal, dass es zur Erde segelt. Schicksal einerseits wegen der Vorhersagbarkeit des Falls, andererseits wegen der Gravitation, gegen die sich das Blatt nicht wehren kann. Zufall wäre es laut David Hume, der meinte, dass wir kausale Gesetze nur aufstellen können, weil sie nach unseren Beobachtungen zufällig stets aufeinander folgen. Das eigentlich Spannende ist, dass nur der Mensch in der Lage ist, über diese Festlegung zu urteilen. Erst recht dann, wenn er eine Sekunde vorm Laubflug sagte: "Blatt, löse dich vom Ast!"

¹ Aristoteles: Physikvorlesung, Berlin 1967 [Werke in deutscher Übersetzung, Band 11], S. 83.
² Alexander von Aphrodisias: Über das Schicksal, Berlin 1995, S. 37.

Dienstag, 16. November 2010

Sehnsucht nach Glück

Was den Rest der ersten Lebenshälfte, also das jugendliche Alter, trübt, ja unglücklich macht, ist das Jagen nach Glück, in der festen Voraussetzung, es müsse im Leben anzutreffen sein. Daraus entspringt die fortwährend getäuschte Hoffnung und aus dieser die Unzufriedenheit. Gaukelnde Bilder eines geträumten, unbestimmten Glückes schweben, unter kapriziös gewählten Gestalten, uns vor, und wir suchen vergebens ihr Urbild. Hierzu trägt freilich noch bei, dass meistens uns das Leben früher durch die Dichtung als durch die Wirklichkeit bekannt wird. Die von jener geschilderten Szenen prangen, im Morgenrot unserer eigenen Jugend, vor unserm Blick und nun peinigt uns die Sehnsucht, sie verwirklicht zu sehen - den Regenbogen zu fassen. So entsteht die Täuschung. Denn was allen jenen Bildern ihren Reiz verleiht, ist gerade dies, dass sie bloße Bilder und nicht wirklich sind und wir daher, bei ihrem Anschauen, uns in der Ruhe und Allgenugsamkeit des reinen Erkennens befinden. Verwirklicht werden heißt mit dem Wollen ausgefüllt werden, welches Wollen unausweichbare Schmerzen herbeiführt.
Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach Glück, so ist der der zweiten Besorgnis vor Unglück. Denn mit ihr ist, mehr oder weniger deutlich, die Erkenntnis eingetreten, dass alles Glück chimärisch, hingegen das Leiden real sei.
Arthur Schopenhauer

Dienstag, 20. Oktober 2009

Historiographie im Zirkel philologischer Zuschreibungen

Vor dem frühen neunzehnten Jahrhundert wurde die Historiographie als Zweig der Redekunst und damit als passender Gegenstand für die Theorie der Rhetorik betrachtet. Im Gefolge der Bemühung, historische Studien wissenschaftlicher zu gestalten, wurde jedoch die Ehe der Historiographie mit der Rhetorik im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts geschieden. Der zweifache Angriff auf die Rhetorik, zum einen seitens der romantischen Poetik, und zum anderen von Seiten des Positivismus, führte dazu, dass die Rhetorik von der westlichen Hochkultur in Acht und Bann geschlagen wurde. "Literatur" als Praxis des "Schreibens" nahm nun den Platz ein, den vormals die Redekunst innehatte, und die "Philologie" verdrängte die Rhetorik als die allgemeine Wissenschaft der Sprache. Das theoretische Problem der Geschichtsschreibung wurde von da an im Rahmen der Frage nach der Beziehung von Geschichte und Literatur erörtert. Da die Literatur aber gewöhnlich als das geheimnisvolle Ergebnis "dichterischer Kreativität" galt, war das Problem unlösbar. Hinsichtlich des Verhältnisses der Geschichte zur Philologie wurde allgemein anerkannt, dass die Philologie nichts anderes sei als die auf die Untersuchung sprachlicher Phänomene angewandte "historische Methode". Nun wurde aber die "historische Methode" ihrerseits einfach als die auf das Studium historischer (dokumentarischer) Zeugnisse angewandte "philologische Methode" betrachtet, womit sich das Methodenproblem in einem ausweglosen tautologischen Zirkel verfing.
Hayden White

Dienstag, 6. Oktober 2009

Kants Kontamination von Prädikation und Synthesis

Im "Spiegel der Natur" stellt sich Richard Rorty die Frage, wie es überhaupt zu einer derartigen philosophischen Richtung wie der Erkenntnistheorie kommen konnte, die nach Descartes‘ Meditationen das Mentale als inneren Raum erfunden hat. Es wurde die Meinung postuliert, allein der Mensch hätte primären Zugang zu seinen mentalen Zuständen und nur aus dem eigenen Geist heraus sei es möglich, Erkenntnis zu erlangen. Trotz dieser nicht empirisch nachweisbaren Theorie begann sich die Philosophie als Wissenschaft zu verstehen und wurde unter Immanuel Kant sogar zum Fundament und Tribunal der Wissenschaft.
Doch was Kant mit seinen Anschauungen zu erreichen versucht, geht in einer Vermengung unterschiedlicher Begrifflichkeiten und Neudefinitionen unter. Soll über ein Erkenntnisproblem tatsächlich eine Theorie möglich sein, können wir nach Rortys These bloß von einem solchen Problem sprechen, wenn wir das Erkennen als eine Ansammlung von Darstellungen betrachten. Nur das bleibt für die Philosophie übrig, nachdem sich die Einzelwissenschaften so weit ausdifferenziert haben, dass sie unlängst in der Lage sind, alle Themengebiete abzudecken.
Darum ist zu klären, wie jene Kontamination aussieht, die Kant in seiner eigenen Rechtfertigungstheorie von John Locke aufnahm und fortführte. Das beinhaltet die Auseinandersetzung mit den wichtigsten Gebieten der Epistemologie, nämlich der Erkenntnis und der Erfahrung. Wie geht die moderne Philosophie sprachanalytisch mit diesen Themen um und welche Rolle spielt das für die Gesamtkritik Rortys?

Erkenntnisgewinn
Richard Rorty meint, die Wahrheit eines Satzes bestünde bei der Kantischen Philosophie darin, die beiden voneinander verschiedenen Vorstellungen von Anschauungen und Begriffen aufeinander zu beziehen.  In der "Kritik der reinen Vernunft" führt Kant diesen Gedanken so aus, dass unser Denken einen unmittelbaren Zugriff auf Anschauungen hat, um Erkenntnis zu erlangen. Durch die Sinnlichkeit, also die Fähigkeit zur Aufnahme äußerer Eindrücke durch die Sinne, erhalten wir Vorstellungen von diesen Anschauungen. Nach der Verarbeitung der Eindrücke entspringen unserem Verstand Begriffe. Alles Denken muss sich also auf Sinnlichkeit und Anschauungen beziehen, weil uns anders kein Gegenstand gegeben sein kann. Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit ist die Empfindung. Anschauungen, die sich auf den Gegenstand durch Empfindungen beziehen, sind empirisch und der unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung heißt Erscheinung.
Die vorkantische Philosophie stellte sich als Kampf zwischen Rationalisten und Empiristen dar. Erstere wollten jegliche Empfindungen auf bloße Begriffe reduzieren, während die Empiristen meinten, die Erkenntnis sei aus unserer Erfahrung gegeben und deshalb völlig begriffsfrei. Nach Rortys Meinung hätte man die Problematik anders beschreiben müssen, indem deutlich gemacht worden wäre, dass die Rationalisten nur Propositionen über sekundäre Qualitäten durch anders geartete Propositionen zu ersetzen suchten, die eine gleiche Funktion inne haben und dennoch mit Gewissheit zutreffen sollten.  Als Rückgriff auf Locke werden primäre Qualitäten dadurch charakterisiert, dass sie außerhalb des Geistes in undenkbaren Substanzen bestehen. Dagegen sind die sekundären Qualitäten sinnlich und existieren im Geist unabhängig vom Subjekt, somit jedoch abhängig von den primären Qualitäten, durch die sie veranlasst werden. Der Mensch kann nur durch seine Wahrnehmung auf die sekundären Qualitäten zugreifen, während ihm der direkte Zugang zu den primären Qualitäten verwehrt ist.  Diese Idee vergleicht Rorty mit dem Bild eines Spiegels, auf dem die äußere Natur in unserem Inneren aufgenommen und reflektiert wird. Nur so meint der Mensch über die Außenwelt Kenntnisse erlangen zu können und ist gleichzeitig davon überzeugt, aus erster Hand Zugang auf den inneren Spiegel zu haben, quasi als Schiedsrichter im Heimspiel über die eigene Erkenntnis.
Locke stellte bereits die Weichen für jenen Fehlschluss, der es scheinbar ermöglichen sollte, Fragen der Geltung mit der Genese zu beantworten. Dabei handelt es sich logisch um zwei voneinander völlig verschiedene Probleme, wenn ich mich auf der einen Seite frage, wie ich zu meiner Auffassung gekommen bin, und auf der anderen Seite wissen will, ob diese Auffassung wahr ist.
Nach der Kopernikanischen Wende Kants leiten sich Gegenstände von unserer Erkenntnis ab. Wir geben den Gegenständen unsere Begriffe, nicht andersherum. Denn sollten sich die Anschauungen nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten, dann könnte man Kant zufolge a priori nichts von ihnen wissen. Wenn sich aber das Objekt, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens richtet, ist diese Möglichkeit durchaus denkbar.
In diesem Zusammenhang schuf Kant in seiner Erkenntnistheorie einen umfassenden Begriffsrahmen, der die moderne Philosophie prägte. Es ging fortan um die Beziehung zwischen Universalien und dem Einzelnen, also dem Schluss vom Äußeren auf das Innere. Daraus ergibt sich ein weiterer Kritikpunkt Rortys. Es geschieht nämlich eine Vermengung von Prinzipien und Urteilen. Kant selbst spricht zwar von Begriffen, bezieht sich jedoch nicht auf Sätze oder Propositionen, sondern auf innere Vorstellungen.

Erfahrung
Ein zentraler Begriff der Erkenntnistheorie ist die Erfahrung, die in der Philosophie eine Bedeutung unabhängig von ihrer alltäglichen Verwendung erhalten hat. Um die Epistemologie zu verstehen muss man mittlerweile einen ganzen Katalog an Philosophen gelesen haben. Zwar bleiben die verwendeten Begrifflichkeiten gleich, sie werden jedoch von jedem Erkenntnistheoretiker mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen. Somit besteht die Erfahrung nur noch als „philosophischer Kunstausdruck“.
Descartes definierte als erster in einer dualistischen Vorstellung die Res cogitans als das denkende Ding, das der Mensch darstellt.  Das Mentale wurde somit zur eigenen abgetrennten Dimension. Im Zuge dessen erschuf John Locke eine Theorie der Erkenntnis, die auf der Analyse der mentalen Prozesse beruhte. Er griff den cartesianischen Dualismus auf, indem er das Erfahren in ideas of reflexion (das Denken) und ideas of sensation (die Wahrnehmung) unterteilte. Für Kant hingegen dient die Erfahrung als „Gegenstand und Methode der Erkenntnis“. In diesem Sinne stellt sie den „denkgesetzlichen Zusammenhang aller Funktionen der Erkenntnis“ dar.  Kant greift jedoch die epistemologischen Punkte Lockes auf, die Rorty im Kapitel über die Kontamination von Erklärung und Rechtfertigung kritisierte. Wenn man auf diese Weise denken und erkenntnistheoretische Schlüsse ziehen will, muss man sich auf die komplexen Annahmen und Begrifflichkeiten einlassen.
Unser Denken ist nur insofern „philosophisch, wenn es, wie das Kantische, nach Ursachen von, also gerade nicht nur nach Gründen für empirische Wissensansprüche sucht“.  Da Kant demnach nicht bloß Rechtfertigungen herausstellt, die uns zum Handeln bringen, betrachtet Rorty die Theorie Kants ungewöhnlicherweise als eine kausale Theorie. Im Rationalismus wird die Ursache notwendig mit der Wirkung verknüpft, doch für Kant stellt Kausalität (ähnlich wie bei David Hume) kein logisches Prinzip dar. Kant würde seine eigene Philosophie also nicht wie bei naturwissenschaftlichen Lehren als kausale Theorie auffassen. Diese Annahme Rortys führt zu einem Widerspruch. Nähme man in der Kantischen Philosophie Kausalität an, wäre die Notwendigkeit der Vernunft und des vernünftigen Handelns nicht mehr gegeben. Es geht schließlich nicht um die Rechtfertigung der Urteile, sondern um die Bildung und die Möglichkeiten unserer Vernunft.

Sprachspiel der modernen Philosophie
Die Kantische Philosophie besteht aus einer Vielzahl von Begriffen, die man verstehen muss. Aber gerade die Unterscheidungen und Gleichsetzungen jener Begriffe können zu der genannten Kontamination führen, sodass die Philosophie, um es mit Wittgensteins Worten zu beschreiben, ihr eigenes Sprachspiel besitzt, welches Außenstehenden unzugänglich bleibt. All jene Definitionen dienen bei Kant nur zur Begründung seiner Theorie und besitzen davon losgelöst keinen sinnvollen Inhalt. Grundsätzlich funktioniert jede erkenntnistheoretische Unterscheidung nur im Sprachspiel der Philosophie.
Philosophisches Denken setzt deshalb eine Unterscheidung von Anschauungen und Begriffen, Sinnlichkeit und Verstand bereits voraus und lässt sich auf Lockes Kontamination von Kausalität und Rechtfertigung ein.  Wenn Locke meint, dass nichts in unserem Intellekt sein kann, wenn wir es nicht vorher mit den Sinnen wahrgenommen haben, schließt sich Kant dieser Metaphorik an.
Um auf die von Rorty genannte Kontamination einzugehen, werden im Folgenden zuerst die Bezeichnungen geklärt. Die Prädikation, die ganz allgemein auch als Teil des Sprechaktes bezeichnet werden kann, stellt eine Handlung oder auch eine Aussage dar, bei der einem Gegenstand eine Eigenschaft oder Relation zugesprochen wird. Sie hat die Funktion, sprachliche Unterscheidungen einzuführen. In der Synthesis wird eine Vielzahl von Sinneseindrücken zu einer Vorstellungs- oder Begriffseinheit zusammengeschlossen. Explizit auf Kant bezogen bezeichnet das eine Verbindung der in der Anschauung gegebenen Mannigfaltigkeit zu einer Einheit des Gegenstandes. In ihrer allgemeinsten Bedeutung definiert Kant Synthesis als „die Handlung, verschiedene Vorstellungen zu einander hinzuzutun, und ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen“.  Synthetische Urteile erweitern im Gegensatz zu den analytischen Urteilen die Erkenntnis, da das Prädikat nicht im Subjekt enthalten ist. Diese Synthesis unterscheidet sich von Humes Auffassung der Ideen. Hume trennt zwischen Empfindung und Erinnern. Aller Stoff des Geistes ist aus dem inneren und äußeren Gefühl abgeleitet und die Gedanken lösen sich bei der Zergliederung in Vorstellungen auf, die den Empfindungen nachgebildet sind. Dagegen ist die Synthesis bei Kant eine Relation, die nur zwischen allgemeinen und einfachen Ideen bestehen kann. Rorty sieht diese Theorie durch die beiden Voraussetzungen gestützt, dass erstens Mannigfaltigkeit notwendig gegeben ist und dass zweitens eine Einheit daraus hergestellt wird.  Nach Kant könnten Humes Anschauungen nicht zu Bewusstsein gebracht werden, wenn sie nicht durch Begriffe synthetisiert werden würden. Wir können Bewusstsein nur von Dingen haben, die durch unser eigenes verbindendes Denken konstituiert wurden.
Rorty ist der Meinung, Kant hätte anstatt seiner irreführenden Gleichsetzung des einzelnen Urteils mit der sinnlichen Gegebenheit „Erkenntnis als eine Relation zwischen Personen und Propositionen“  beschreiben sollen. Es liegt also eine Verwechslung von Propositionen und Begriffen vor. Dahingehend folgt Rorty der Ansicht des späten Wittgensteins, dass Begriffe eben nicht alle gemeinten Inhalte ausdrücken können.
Wenn man sich keine Grundlage durch die Lektüre der wichtigsten erkenntnistheoretischen Philosophen geschaffen hat, stellen sich berechtigte Fragen ein. Woher nehmen wir dieses Mannigfaltige, das uns Kant als Voraussetzung vorstellt? Woher wissen wir, dass es mehr als eine solche Anschauung gibt? Gäbe es nur eine einzige, wäre so etwas wie Synthesis gar nicht nötig. Anschauungen und Begriffe sind in diesem Zusammenhang nur der „Kontextdefinition fähig“,  um die Theorie Kants zu stützen. Die beiden genannten Voraussetzungen sind nur dann als Rechtfertigung zulässig, wenn wir tatsächlich auf diese Weise Erkenntnis durch synthetische Urteile a priori erlangen können. Legt man die Bedingungen, die Kant postuliert, im Sinne Rortys aus, verliert unser Zugriff auf den Spiegel der Natur schlagartig an Relevanz. Das Bewusstsein als Forschungsgebiet im inneren Raum wird abgeschafft.

Fazit
In der dualistischen Vorstellung der Erkenntnistheorie stehen sich zumeist zwei nach Rorty unvereinbare Positionen gegenüber. Auf der einen Seite befindet sich die Genese als Ursprung und Ausgangspunkt, auf der anderen Seite die Geltung als Wahrheit unabhängig von der Wirklichkeit, mit Kants Worten also eine Relation zwischen Sinnlichkeit und Verstand. Der Kantische Transzendentalismus kann im Sinne einer Geltungstheorie interpretiert werden, da es ihm um die Rechtfertigung und Begründung der menschlichen Erkenntnis geht. Damit Geltungsansprüche legitimiert werden können, müssen vorher fundamentale Bedingungen erfüllt sein. Das will Kant durch seine transzendentale Deduktion erreichen, indem Begriffe a priori festgelegt werden, die somit objektive Gültigkeit besitzen und allgemeine und notwendige Erkenntnis möglich machen. Im Neukantianismus wird der Geltung dementsprechend das Sein gegenübergestellt. Doch ist es ein Fehlschluss, von der Entdeckung automatisch auf die Begründung zu schließen. Die Erklärung auf der einen Seite stellt einen Schluss vom Gegenstand auf die Person dar, wohingegen die Rechtfertigung den Schluss auf eine Person nur durch die Proposition zulässt, also jenen gedanklichen Inhalt, der durch einen Satz ausgedrückt wird. Wenn wir nach synthetischen Urteilen a priori suchen, dann besitzen wir am Ende keinen privilegierten Zugang mehr zur Erkenntnis.
Nach Rortys Hauptthese liegt der Fehler der Erkenntnistheorie in der Verknüpfung des Mentalen mit dem Fundamentalen. Im Gegensatz zu der Idee des Bewusstseins, die Descartes, Locke und Kant gemeinsam war, vertritt Rorty in vielen Belangen einen holistischen Materialismus. Dabei orientiert er sich größtenteils an Heidegger, Wittgenstein und Dewey. Die vorherigen Annahmen der Philosophie werden demnach nicht widerlegt, sondern verabschiedet.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Das Fundament der Wissenschaft

Im Aufbau der Wissenschaft gilt das heraklitische Wort, dass der Weg nach oben und der Weg nach unten derselbe ist. Je höher das Gebäude der Wissenschaft wächst und je freier es sich in die Lüfte erhebt, umso mehr bedarf es der Prüfung und der ständigen Erneuerung seiner Grundlagen. Dem Zustrom neuer Tatsachen muss die Tieferlegung der Fundamente entsprechen, die zum Wesen jeder Wissenschaft gehört. Ist dem so, so ist klar, dass und warum die Arbeit an der Auffindung und Sicherung der Prinzipien den Einzelwissenschaften nicht abgenommen und auf eine besondere philosophische Disziplin, auf die Erkenntnistheorie oder Methodenlehre, übertragen werden kann.
Ernst Cassirer

Mittwoch, 10. Juni 2009

Verwandtschaft des Schreibens mit dem Tod

Die Erzählung wiegt den in Kauf genommenen Tod auf.
Dieses Thema des Erzählens oder des Schreibens, das dazu bestimmt ist, den Tod zu bannen, hat in unserer Kultur eine Metamorphose erfahren.
Das Schreiben ist heute an das Opfer gebunden, sogar an das Opfer des Lebens, an das freiwillige Auslöschen, das in den Büchern nicht dargestellt werden soll, da es sich im Leben des Schriftstellers selbst vollzieht. Das Werk, das die Aufgabe hatte, unsterblich zu machen, hat das Recht erhalten, zu töten, seinen Autor umzubringen.
Die Beziehung des Schreibens zum Tod zeigt sich auch im Verblassen der individuellen Züge des schreibenden Subjekts. Durch alle Barrieren, die das schreibende Objekt zwischen sich und dem, was es schreibt, errichtet, bringt es alle Zeichen seiner individuellen Besonderheit durcheinander. Das Merkmal des Schriftstellers besteht nur noch in der Eigentümlichkeit seiner Abwesenheit. Er muss die Rolle des Toten im Spiel des Schreibens einnehmen.
Michel Foucault

Sonntag, 7. Juni 2009

Elle me ne regarde pas

Die Geschichte ist wahr. Sie stammt aus der Zeit meiner, ich würde sagen, meiner Zwanzigerjahre - ich hatte damals, als junger Intellektueller, natürlich nichts Besseres zu tun als rauszugehen und mich irgendeiner Tätigkeit hinzugeben, die nur direkt und ländlich sein sollte, also zum Beispiel Jagd oder Fischen. Eines Tages nun war ich auf einem kleinen Boot zusammen mit einigen Leuten aus einer Fischersfamilie, die an dem kleinen Hafen zu Hause war. Damals war unsere Bretagne noch unberührt von der Großindustrie, und Fischerei im großen Stil gab es noch nicht. Die Fischer fischten in ihrer Nussschale auf eigenes Risiko und eigene Gefahr. Und eben dieses: Gefahr und Risiko wollte ich mit ihnen teilen. Nur gab es Gefahr nicht immer, es gab auch Tage schönsten Wetters. Eines Tags nun, wir warteten auf den Augenblick, wo die Netze eingeholt werden sollten, zeigt mir ein gewisser Petit-Jean, wir nennen ihn so - er ist mit seiner ganzen Familie dann plötzlich von der Tuberkulose dahingerafft worden, die damals tatsächlich so etwas wie die Krankheit einer ganzen Sozialschicht war - eines Tags also zeigt mir Petit-Jean ein Etwas, das auf den Wellen dahinschaukelte. Es war eine kleine Büchse, genauer gesagt: eine Sardinenbüchse, ausgerechnet. Da schwamm sie also in der Sonne, als Zeuge der Konservenindustrie, die wir ja beliefern sollten. Spiegelte in der Sonne. Und Petit-Jean meinte:
Siehst du die Büchse? Siehst du sie? Sie, sie sieht dich nicht!
Er fand sie sehr lustig, die kleine Geschichte, ich weniger. Ich habe mich gefragt, warum ich sie weniger komisch fand. Das ist sehr aufschlussreich.
Zunächst, wenn es einen Sinn haben soll, dass Petit-Jean mir sagt, dass die Büchse mich nicht sehe, so deshalb, weil sie in einem bestimmten Sinn mich tatsächlich anblickt, angeht.* Sie blickt mich an auf der Ebene des Lichtpunktes, wo alles ist, was mich angeht, und das ist hier durchaus nicht als Metapher gemeint.
Was erklärt die Bedeutung dieser kleinen Geschichte, die ich dem Einfall des Gefährten verdanke, und was erklärt, dass er sie so komisch fand und ich weniger? Die Geschichte ist mir erzählt worden, weil ich in dem Moment damals - so wie ich mich geschildert habe zusammen mit diesen Leuten, die so schwer für ihre Existenz zu schuften hatten in fortgesetztem Kampf gegen etwas, was für sie rohe Natur hieß - weil ich damals also ein unsäglich komisches Bild gemacht haben muss. Oder vielmehr: Ich fiel aus dem Bild heraus, ich machte mehr oder weniger einen Fleck im Bild.** Und weil mir das bewusst ist, kann nichts mich bei dieser komischen, ironischen Geschichte, die ich mich jetzt hervorbringen höre, davon abbringen, sie wenig komisch zu finden.
Jacques Lacan
* Elle me regarde: Der Doppelsinn des Französischen "sie blickt mich an" und "sie geht mich an"
** Je faisais tant soit peu tache

Mittwoch, 8. April 2009

Die Leiden der Tugend

Das sollte die Hauptaufgabe der Philosophie sein: die Mittel und Wege zu erforschen, deren sich das Schicksal zur Erreichung seiner Ziele bedient. Daraus müsste sie dann Verhaltensmaßregeln für den armseligen Zweifüßler, Mensch genannt, herleiten, dass er auf seinem dornenvollen Pfade nicht immer abhängig sei von den bizarren Launen jener dunklen Macht, die man nacheinander Bestimmung, Gott, Vorsehung, Zufall getauft hat.
Wenn wir nun bei solchen Studien finden, dass die Bösen für ihre Missetaten Lohn statt Strafe ernten, werden da nicht Menschen, die von vornherein, aus Anlage oder Temperament, zum Bösen neigen, mit Recht schließen, es sei besser, sich dem Laster offen zu weihen, als ihm zu widerstreben - entgegen unseren lächerlichen, abergläubischen, unnützen Moralgesetzen? Werden sie nicht mit einer gewissen Berechtigung sagen, dass die Tugend, wenn sie zu schwach ist, gegen das Laster anzukämpfen, gewiss nicht die Partei ist, zu der man sich schlagen soll, und dass man in einer so verderbten Zeit wie der unseren nichts Besseres tun kann, als so zu sein wie alle anderen?
Werden sie nicht aber vor allem sagen, dass, wenn Tugend und Laster gleichermaßen in den Absichten der Natur liegen und wir das Laster immer triumphieren, die Tugend immer unterliegen sehen, es klar zutage liegt, auf welcher Seite wir zu kämpfen haben?
Es wird Zeit, dass die Dummköpfe einmal aufhören, jenes Idol einer lächerlichen "Tugend" anzubeten, die ihnen nur mit Undank lohnt, und dass andererseits die Verständigen sich sicherer fühlen, wenn sie einmal deutlich sehen, wie Glück und Wohlfahrt dem Laster mit fast unumstößlicher Sicherheit folgt.
Marquis de Sade

Dienstag, 31. März 2009

Was ist Realismus?

Der Alptraum des Realisten
Was wäre, wenn wir eine Theorie akzeptierten, nach der Elektronen so etwas wie Phlogiston* sind?
Wir müssten dann sagen, dass Elektronen in Wirklichkeit gar nicht existierten. Und wenn uns dies ständig passierte? Was wäre, wenn alle von einer Generation postulierten theoretischen Entitäten (Moleküle, Gene, etc., wie die Elektronen) ständig aus der Sicht der späteren Wissenschaft "nicht existierten"? Es handelt sich hierbei natürlich um eine Variante des alten skeptischen "Arguments von der Täuschung". Woher weißt du, dass du dich nicht gerade jetzt täuschst? Aber in dieser Form ist das Argument von der Täuschung für viele Zeitgenossen ein ernstes Problem und nicht bloß ein "philosophischer Zweifel".
Einer der Gründe hierfür ist, dass die folgende Metainduktion am Ende völlig zwingend wird:
Wie kein einziger der Ausdrücke, die vor fünfzig Jahren in der Wissenschaft gebraucht wurden, sich auf etwas bezog, so wird sich herausstellen, dass keiner der Ausdrücke, die sie heute verwendet (mit Ausnahme vielleicht von Beobachtungstermini, wenn es solche gibt), sich auf etwas bezieht.

Hilary Putnam

* Vor der Entdeckung des Sauerstoffs glaubte man, Feuer und Verbrennung sei auf den Stoff Phlogiston zurückzuführen, der in jedem Material zu einem bestimmten Teil vorhanden sei.

Freitag, 27. März 2009

Das Land der Wahrheit

Das Land des reinen Verstandes aber ist eine Insel, und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit, umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen, und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann.
Immanuel Kant

Sonntag, 22. Februar 2009

Die Bürde des weißen Mannes

Die Doktrin von der Bürde des weißen Mannes diente dazu, wirtschaftliche Ausbeutung zu betreiben und Millionen von Menschen auf der Welt das Recht auf Selbstbestimmung zu bestreiten, sofern die Expansion Europas und Amerikas nicht die buchstäbliche Ausrottung ganzer Völker bedeutete. Rationalisiert wurde dies, indem man von der kulturellen Minderwertigkeit der betreffenden Völker sprach, von ihrem Entwicklungsrückstand oder von ihrer primitiven Mentalität, die rechtfertige, dass höherentwickeltere Völker sich ihrer annähmen. Die Geschichte der Expansion der westlichen Welt war für die unterdrückten Länder gekennzeichnet durch die Entwertung der menschlichen Persönlichkeit und durch den Verfall der Menschenrechte.
Die kulturellen Werte dieser Völker wurden konsequent missverstanden und herabgesetzt. Religiöse Glaubensvorstellungen, die für ungezählte Generationen Überzeugungskraft hatten und ihnen eine Anpassung an die natürliche Ordnung ermöglichten, wurden als abergläubisch, unmoralisch und unwahr attackiert. Und dieser Vorgang hat - da ja die Gewalt ihre eigene Überzeugungskraft besitzt - jenen Prozesse der Demoralisierung, der mit wirtschaftlicher Ausbeutung und dem Verlust politischer Selbstständigkeit begonnen hatte, weiter fortgesetzt. Des weißen Mannes Bürde, seine zivilisatorische Sendung wiegen in der Tat schwer. Aber diese Bürde wurde bisher nicht von denen getragen, die, häufig in durchaus ehrlicher Absicht, in die entlegensten Teile der Welt fuhren, um jenen die Zivilisation zu bringen, die sie für minderwertig hielten.
Melville Herskovits

Dienstag, 3. Februar 2009

Am Nullpunkt der Literatur

Die Natur wird ein Nichtzusammenhängendes von Objekten, die einsam und furchtbar sind, weil sie nur mögliche Verbindungen besitzen; niemand wählt für sie einen bestimmten Sinn, einen vor anderen privilegierten Gebrauch oder Dienst, niemand reduziert sie auf das Bedeuten eines geistigen Verhaltens oder einer Absicht, das heißt letztlich einer Zärtlichkeit. Diese Objektworte ohne Verbindung, die mit der ganzen Gewalt ihres Zerspringens geschmückt sind, diese lyrischen Worte schließen die Menschen aus: es gibt keinen lyrischen Humanismus der Modernität; dieser Diskurs ist voller Schrecken, das heißt, dass er den Menschen nicht in Verbindung mit den anderen Menschen setzt, sondern mit den unmenschlichsten Bildern der Natur: dem Himmel, der Hölle, dem Heiligen, der Kindheit, dem Wahnsinn, der reinen Materie...
Roland Barthes

Dienstag, 7. Oktober 2008

Der Mensch ist nicht frei

Hirnforschung und Willensfreiheit
Zur Deutung der neuesten Experimente
Mir scheint der Satz "Nicht das Ich, sondern das Gehirn hat entschieden!" korrekt zu sein, denn "eine Entscheidung treffen" ist ein Vorgang, dessen Auftreten objektiv überprüfbar ist. Auf den linken oder rechten Knopf zu drücken ist eine Entscheidung, und man kann mit entsprechendem Aufwand experimentell untersuchen, was im Gehirn passiert, bevor und wenn diese Entscheidung getroffen wird. Falls es nun stimmt, dass es nicht das wollende und bewusst erlebende Ich ist, welches die Entscheidung über eine Handlung trifft, wer entscheidet dann tatsächlich?
Gerhard Roth

Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.
Die Formulierung bezieht sich auf die Experimente des Neurophysiologen Benjamin Libet von 1979, die dem Alltagsverständnis unseres Handelns widersprechen. Wir glauben, dass wir, wenn wir handeln, uns erst entscheiden und dann tätig werden. Ich als mentaler Akteur kommandiere meinen physischen Körper: Ich tue, was ich will.
Die Wissenschaft erklärt unser Handeln aber anders. Der Interpretation des Libet-Versuchs zufolge findet eine Entscheidung früher im Gehirn als im Bewusstsein einer Person statt. Das kann nur bedeuten, dass unser bewusster Willensimpuls so etwas wie ein Ratifizieren der Entscheidung ist, die das Gehirn schon getroffen hat: Ich will, was ich tue. Allerdings muss man beachten, dass die Libet-Situation einen sehr engen Zeitrahmen hat. Und wie weit man von dieser Situation auf andere Situationen schließen kann, ist noch eine offene Frage.
Sind die Libet-Experimente ein Hinweis darauf, dass wir durch unsere Gehirne determiniert sind?
Ja. Aber um festzustellen, dass wir determiniert sind, bräuchten wir die Libet-Experimente nicht. Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursachen hat und dass man diese Ursachen finden kann. Für mich ist unverständlich, dass jemand, der empirische Wissenschaft betreibt, glauben kann, dass freies, also nichtdeterminiertes Handeln denkbar ist.
Die meisten Menschen sind doch aber davon überzeugt, dass sie freie, autonome Akteure sind.
Das sind unsere alltagspsychologischen Intuitionen. Die Alltagspsychologie ist dualistisch: sie unterscheidet zwischen mentalen und physischen Sachverhalten, und sie glaubt, dass der Geist den Körper regiert. Wenn wir wissenschaftlich denken, ist diese dualistische Position unhaltbar. Die Wissenschaft liebt Monismus und Determinismus.
Wolfgang Prinz

Der freie Wille ist eine Illusion. Eltern haften trotzdem für ihre Kinder.

Christian Geyer

Montag, 25. August 2008

Der Widerstreit zwischen Freiheit und Glück

Es gibt für den Menschen, wenn er frei bleibt, keine hartnäckigere und qualvollere Sorge als die, möglichst schnell jemanden zu finden, den er anbeten kann. Doch der Mensch strebt danach, etwas anzubeten, das über allen Zweifel erhaben ist, so hoch erhaben, dass alle Menschen zugleich bereit sind, es gemeinsam anzubeten. Denn die Sorge dieser jämmerlichen Geschöpfe besteht nicht nur darin, etwas zu finden, das ich oder ein anderer anbeten könnte, sondern etwas zu finden, woran alle glauben und was alle, unbedingt alle zusammen anbeten könnten. Gerade dieses Bedürfnis nach einer Gemeinsamkeit in der Anbetung war die größte Qual jedes einzelnen Menschen und der gesamten Menschheit seit dem Anfang der Zeiten. Um der gemeinsamen Anbetung willen rotteten sie einander mit dem Schwerte aus. Sie schufen Götter und forderten einander auf: "Verlasst eure Götter und kommt, die unsrigen anzubeten, oder ihr und eure Götter sollt des Todes sein!" Und so wird es bleiben bis zum Ende der Welt, selbst dann, wenn die Welt entgöttert sein wird: einerlei, sie werden sich vor Götzen niederwerfen.
Fjodor Dostojewski

Donnerstag, 17. Juli 2008

Eden - Das verlorene Paradies


Für Individuen, die keine Nachfahren gezeugt haben und gefressen werden, ist diese Welt ungerecht, da sie von Glück, Unglück, Gewinn und Verlust geprägt ist. Deswegen haben Vorfahren der Menschen überlegt: "Um uns vor der unwirtlichen, ungerechten Welt zu schützen, bilden wir eine Gesellschaft, um uns gegenseitig zu helfen. Das war selbstverständlich. Durch die Schaffung einer Gesellschaft wurde die Arbeit geteilt und die Produktivität stieg. Mit der Stärkung der Technik kontrollierte man zunehmend die Natur. Die Menschheit wuchs und wuchs. Einige sammelten Reichtum an, um den man Krieg führte. Man lernte aufgrund der vielen Kriege dazu und entwickelte ein fortschrittliches Gesellschaftssystem. Aber die Gesellschaft ist so ein verrücktes Ding. Je weiter sich die Gesellschaft entwickelt, desto mehr Ungerechtigkeiten entstehen innerhalb der Gesellschaft. Unterschiede in Bezug auf Arm und Reich, im Stand, Fähigkeiten, Aussehen, Rasse... Die Gesellschaft, die dazu dienen sollte, aus der grausamen Welt zu entfliehen, schafft nur neue Ungerechtigkeiten. Man kann natürlich auch als Armer fröhlich und friedlich leben. Dafür braucht man aber ein System, das die Unzufriedenheit über die Ungerechtigkeit der Armen absobiert. Zum Beispiel braucht  man bei einem ungerechten Tod ein Gedankenkonstrukt, sodass man mit der Ungerechtigkeit noch zurechtkommen kann. Diese Rolle übernahm sehr lange die Religion. Man lehrte, dass man trotz Armut, Diskriminierung und Repressalien, wenn man den Glauben hatte und untadelig leben konnte, auch bei einem frühen Tod in den Himmel kommen konnte und so Gerechtigkeit erfuhr. Dass man jedoch gar keinen Glauben mehr besitzt, das gibt es häufig unter Menschen, die in Ländern leben, in denen das Sozialsystem ausgereift ist. Man muss nicht unbedingt Glauben haben, wenn die Gesellschaft stabil und wohlhabend ist. Aber dennoch kommt der Tod ungerechterweise daher. Die menschliche Gesellschaft wird auch in Zukunft einen fadenscheinigen Grund finden, Kriege zu führen. Die Starken werden die Schwachen weiter schikanieren. Der Glaube, dass in Zukunft alles besser werden wird, ist irgendwie auf einem globalen Niveau stecken geblieben. Wie soll man die Seelen derer retten, die die Grausamkeit der Welt nicht aushalten, das Glück in der Gesellschaft nicht finden oder nicht an Gott glauben können?

Eden - It's an endless world von Hiroki Endo

Montag, 5. Mai 2008

Psychiatrie: Die Tyrannei der Mehrheit


Geisteskrankheit - ein moderner Mythos?
1. Genau genommen können Krankheiten nur den Körper affizieren; daher kann es keine Geisteskrankheit geben.
2. "Geisteskrankheit" ist eine Metapher. Ein Geist kann nur in dem Sinne "krank" sein wie schwarzer Humor "krank" ist oder die Wirtschaft "krank" ist.
3. Psychiatrische Diagnosen sind stigmatisierende Etiketten; sie sollen an die medizinische Diagnosepraxis erinnern und werden Menschen angehängt, deren Verhalten andere ärgert oder verletzt.
4. Gewöhnlich werden Menschen, die unter ihrem eigenen Verhalten leiden und darüber klagen, als "neurotisch" und jene, unter deren Verhalten andere Leiden und über die sich andere beklagen, als "psychotisch" bezeichnet.
5. "Geisteskrankheit" ist nicht etwas, was eine Person hat, sondern etwas, was sie tut oder ist.
6. Wenn es keine "Geisteskrankheit" gibt, kann es keine "Hospitalisierung", "Behandlung" oder "Heilung" von "Geisteskrankheiten" geben. Menschen können mit oder ohne Eingreifen des Psychiaters ihr Verhalten oder ihre Persönlichkeit ändern. Solche Eingriffe nennt man heute "Behandlung". Die Veränderung, wenn sie in einer von der Gesellschaft gebilligten Richtung verläuft, heißt "Genesung" oder "Heilung".
7. In die Strafrechtspraxis eingedrungene psychiatrische Vorstellungen - z.B. Antrag auf Unzurechnungsfähigkeit' Gutachten über das seelisch-geistige Unvermögen des Beklagten, einen Prozeß durchzustehen, usw. - korrumpieren das Recht und machen die Bürger, derentwegen sie vorgeblich herangezogen werden, zu Opfern.
8. Persönliches Verhalten folgt stets Regeln, ist strategisch und sinnvoll. Soziale Beziehungen können als Spiele betrachtet und analysiert werden, wobei das Verhalten der Spieler von ausdrücklich formulierten oder stillschweigend wirksamen Spielregeln gelenkt wird.
9. Bei den meisten Arten von freiwilliger Psychotherapie versucht der Therapeut dem Behandelten die unausgesprochenen Spielregeln, nach denen er sich richtet, zu erläutern und ihm bei der Überprüfung der Ziele und Werte der von ihm praktizierten Lebensspiele zu helfen.
Es gibt keine medizinische, moralische oder juristische Rechtfertigung für unerbetene psychiatrische Eingriffe wie "Diagnose", "Hospitalisierung" oder "Behandlung".
Sie sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Thomas Szasz

Samstag, 19. Januar 2008

Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis

Da die Philosophie nichts anderes ist als das Streben nach Weisheit und Wahrheit, so sollte man vernunftgemäß erwarten dürfen, dass die, welche am meisten Zeit und Mühe auf sie verwendet haben, sich einer größeren Ruhe und Heiterkeit des Gemütes, einer größeren Klarheit und Sicherheit der Erkenntnis erfreuen und weniger durch Zweifel und Bedenken beunruhigt werden als andere Menschen. Wir sehen dagegen, dass vielmehr die ungelehrte Menge der Menschen, die auf der Landstraße des schlichten Menschenverstandes wandelt und durch die Gebote der Natur geleitet wird, größtenteils zufrieden und ruhig lebt.
Ihnen scheint nichts, was gewöhnlich ist, unerklärlich oder schwer zu begreifen. Sie klagen nicht über irgendwelche Unzuverlässigkeit ihrer Sinne und sind ganz frei von der Gefahr, Skeptiker zu werden. Sobald wir uns aber der Leitung der Sinne und der natürlichen Triebe entziehen, um dem Lichte eines höheren Prinzips zu folgen, um über die Natur der Dinge mittels unserer Vernunft Schlüsse zu ziehen, über sie nachzudenken und zu reflektieren, erheben sich sofort tausend Zweifel in unserem Geist in Betreff eben der Dinge, welche wir vorher völlig zu begreifen schienen. Vorurteile und Irrtümer der Sinne enthüllen sich von allen Seiten her unserem Blick, und indem wir diese durch Nachdenken zu berichtigen streben, werden wir unvermerkt in seltsame, von der gewöhnlichen Meinung abweichende Behauptungen, Schwierigkeiten und Widersprüche verstrickt, die sich in dem Maße, als wir in der Betrachtung weiter gehen, vermehren und steigern, bis wir uns zuletzt, nachdem wir manche verschlungene Irrgänge durchwandert haben, gerade an dem Punkte wiederfinden, von welchem wir ausgegangen waren, oder, was schlimmer ist, die Forschung aufgeben und, in Zweifelsucht verloren, die Hände in den Schoß legen.
George Berkeley