I wonder how it feels like to get just one single shot of total happiness.
Would it be worth it? Or would I then be even more aware of the insignificance of life?
Montag, 1. Juli 2013
Samstag, 25. Mai 2013
Tokyo
Du bist kurz davor, dich aufzugeben
Durch geträumte Straßen wie gefallener Regen
(Selig)
Durch geträumte Straßen wie gefallener Regen
(Selig)
Verlieren wir uns in der Masse der Menschen und der verrottenden Welt um uns herum. Auf absurde Weise lieben wir sie noch immer. Schmerzlich vertraute, vermisste Stadt. Wir wandern durch die überfüllten Schluchten zwischen erdrückenden Gebäudekomplexen, kreuzen Ampeln, die selbst an solchen Straßen stehen, die man mit einem einzigen Schritt überqueren könnte, stolpern so leicht über die endlosen Blindenzeichen auf den Fußwegen. Wir betreten Geschäfte, die ununterbrochen geöffnet sind, in denen wir routiniert bereits am Eingang begrüßt werden, hören zu, wie man sich dafür bedankt, dass wir das Geschäft besuchen, wie unsere Einkäufe aufgezählt, jeder einzelne Preis genannt und zusammengerechnet wird, was wir bezahlen, was wir zurückerhalten. Ein unaufhörlicher, einstudierter Redeschwall, der uns permanent umgibt, die ständige distanzierte Höflichkeit, das Verbeugen, das Entschuldigen, das Bitten. Diese ganzen Floskeln hüllen uns irgendwann so ein, dass wir gar nicht mehr registrieren, welchen Menschen wir gegenüberstehen und wem dieses automatisierte Verhalten überhaupt noch gilt. Wir lassen uns davon einhüllen, beruhigen und betäuben. Wir wenden uns ab und verlassen einander. Doch wohin gehen wir? Wohin?
Samstag, 4. Mai 2013
Kaiser-Kennedy-Legende
Für leichtgläubige Menschen weise ich lieber gleich zu Anfang darauf
hin, dass man den folgenden Beitrag von Leszek Kolakowski nicht so ernst
nehmen sollte. Wahrscheinlich ist er nur für Historiker amüsant, für
angehende Historiker womöglich sogar lehrreich.
Die Kaiser-Kennedy-Legende: eine neue anthropologische Debatte
Die
6684. jährliche Zusammenkunft der Akademie der Wissenschaften löste
eine hitzige Kontroverse aus. Der Hauptvortrag der Tagung war der kaum
bekannten Legende eines Kaisers namens Kennedy gewidmet, der in der
fernen Vergangenheit vGK (vor der Großen Katastrophe) zwei riesige
Länder beherrscht haben soll. Dr. Rama, der Verfasser des Vortrags,
verglich und analysierte alle verfügbaren Quellen äußerst gewissenhaft.
Dies ist allerdings keine umfassende Sammlung, gemessen etwa an der
Materialmenge, die wir über einen anderen Herrscher, Alfonse XIII.,
besitzen, der ein anderes Land namens Espagna einige Zeit früher oder
später regiert haben soll. Aber Dr. Rama wies nach, dass sich aus den
bestehenden Quellen mehr ableiten lässt, als die Gelehrten für möglich
hielten. Bekanntlich waren nach der Großen Katastrophe, die sich in den
Jahren 0-72 (angenähert) abspielte, als etwa zwei Drittel des
bewohnbaren Landes von Wasser überschwemmt und die übrigen Teile von
gewaltigen Explosionen unbekannter Herkunft fast völlig zerstört wurden,
nur acht Bücher aus der vorhergehenden Periode unversehrt erhalten
geblieben. Es sind:
John Williams Creative Gardening, Omaha, Nebraska (ob es sich bei Omaha, Nebraska um eine oder zwei Personen handelt, ist noch umstritten)
Alice Besson La vie d’une idiote racontée pas elle-même, Roman (Das Buch scheint in einem Land oder einer Gegend namens Gallimard gedruckt worden zu sein)
Laszlo Warga Bridge for Beginners, aus dem Ungarischen übersetzt von Peter Harsch, Llandutno 1966
Dirk Hoegeveldt De Arte Divinatoria Romanorum, Lukdini Bat 1657
Annurario telefonica di Ferrara
Arno Miller Neue Tendenzen in amerikanischen Sozialwissenschaften, Hoser Verlag, Erlangen 1979
Dinah Elberg All my Lovers
Wir
haben das achte Buch ausgelassen, da es – abgesehen von dem
geheimnisvollen Wort Nagoya, das von der zweiten bis zur letzten Seite
auftauchte – einen völlig unbekannten Schrifttyp aufwies; den besten
Experten zufolge war Nagoya wahrscheinlich eine Zauberformel, welche die
besten Geister aus einem fremden Land verscheuchen sollte. Übrigens ist
keines der Bücher bis jetzt ganz entschlüsselt worden. Aber einige
kleinere oder größere Bruchstücke existieren nun in befriedigenden
Übersetzungen. Man braucht nicht zu erwähnen, dass die Ziffern in den
Büchern sich vermutlich auf Jahreszahlen beziehen: Da wir jedoch nichts
über die Methode und den Beginn der Zeitrechnung in der vGK-Ära wissen,
ist es unmöglich, die Ereignisse korrekt zu datieren. Zudem wissen wir
nicht, ob man die Jahre vorwärts oder rückwärts zählte. Viele
Wissenschaftler meinen, es sei nicht ausgeschlossen, dass man die Jahre
durch eine Zahl kennzeichnete, die dem bis zur Großen Katastrophe noch
bevorstehenden Zeitraum entsprach, wodurch das Jahr 1657 z.B.
dreihundert Jahre später – nicht früher – als das Jahr 1957 stattfand.
Die
Kaiser-Kennedy-Legende wird nur in einem der gerade aufgeführten Bücher
erwähnt, was einige Gelehrte zu der These veranlasste, dass sie unter
den Wilden nicht weit verbreitet war, oder als unwichtig galt. Aber die
Legende erscheint mehrere Male in fast zwei Dutzend fragmentarisch
erhaltenen Büchern sowie in mehr als 220 Zeitschriften, die bis jetzt
geborgen worden sind – dreizehn von ihnen fast unversehrt (darunter Chemical Engineering, Trybuna Ludo, Crosswords for Children – das nahezu unverständlich ist – Il Messaggero und Vuelta).
Dr. Rama hat das gesamte Material gründlich untersucht, und liefert die
erste zusammenhängende Interpretation. Die Hauptkomponenten sind seinen
Forschungen gemäß folgende:
1. Präsident (ein Titel von obskurer
Herkunft, offenbar gleichbedeutend mit Kaiser) Kennedy beherrschte
gleichzeitig zwei große Länder, die Amerika und USA hießen.
2. Er
stammte von einer legendären Insel namens Irland im hohen Norden. Ob
diese Insel identisch ist mit einer anderen namens Island, die in einer
weiteren Quelle erwähnt wird, bleibt vorläufig noch ungeklärt.
Vielleicht wurden durch einen Druckfehler zwei Länder aus einem gemacht.
3. Er war reich.
4.
Er kämpfte gegen die Herrschaft dreier anderer Königreiche namens
Russland, Sowjetunion und Kuba. Anscheinend besiegte es sie, wurde dann
aber seinerseits in einer Schlacht besiegt, die in der Schweinebucht
stattfand. Trotzdem blieb er weiterhin der Kaiser jener beiden Länder.
5.
Eines der feindlichen Länder namens Berlin (fast mit Sicherheit ein
anderer Name für Russland) baute eine gewaltige Mauer, um die Armee des
Kaisers am Einmarsch zu hindern. Aber der Kaiser verkündete von
ebendieser Mauer mutige Schmähungen gegen die Feinde.
6. Er hatte zwei Brüder. Der ältere wurde vor und der jüngere nach dem Tode des Kaisers ermordet.
7. Der Kaiser selbst wurde von seinen Feinden verwundet und starb.
8. Seine Witwe Jaqueline heiratete später einen „Millionär“.
Dr.
Rama entdeckte eine weitere vordem unbekannte Einzelheit von großer
Bedeutung. Auf einer halben Seite, die von der Zeitschrift Ici Paris
überkommen ist, wird der Kaiser als „un grand cureur des jupes“
bezeichnet. Die einzig plausible Übersetzung dieser Wendung besagt, dass
er häufig in Röcken herumlief. Da dokumentiert ist, dass Röcke
ausschließlich weibliche Kleidungsstücke waren, scheint offensichtlich,
dass der Kaiser eine androgyne Gestalt – mit männlichen wie weiblichen
Eigenarten – verkörperte. Dr. Rama korrigierte auch die falsche
Interpretation des Wortes „Millionär“, das bis vor kurzem unkritisch als
„reicher Mann“ übersetzt wurde. Er fand eine bisher vernachlässigte
Bemerkung in einem Fragment des Miami Star, in dem es heißt: „Was ist
heutzutage schon eine Million? Kaum mehr als eine Handvoll Erdnüsse.“ Da
die Erdnuss eine sehr kleine Nuss war, ist ein Millionär keineswegs ein
reicher, sondern ein armer Mann, der kaum etwas sein Eigen nennt, nur
ein paar Erdnüsse. Dies fügt sich gut in Dr. Ramas Interpretation ein.
Dr.
Rama ist, wie es der Zufall will, ein Schüler des berühmten Gelehrten
Levi Strauss, der spezielle Hosen für spezielle Hosen für männliche wie
weibliche Menschen herstellt und deshalb argumentiert, alles lasse sich
als eine aus Gegensatzpaaren bestehende Struktur betrachten, sodass
jeder Begriff eines Paares ohne den anderen bedeutungslos sei. Wenn man
z. B. ein Hosenbein abschneide, sei das andere bedeutungslos. Dr. Rama
bedient sich dieses hermeneutischen Verfahrens und bietet die folgende
Interpretation der Legende an:
Der Mythos von Kaiser Kennedy war ein
Versuch, grundlegende unversöhnliche Widersprüche menschlichen Lebens in
der mythologischen Vorstellung in Einklang zu bringen. Da ist zuerst
der Gegensatz von Träumen und Realität. In einer Quelle wird Amerika –
eines der beiden Länder, die er regierte – der „Traum der Menschheit“
genannt, während in einer anderen Quelle von der „brutalen Realität der
USA“ die Rede ist, was eindeutig zeit, dass die „USA“ als real galten.
Damit vereinigte sich Traum und Realität in der Person Kennedys.
Zweitens haben wir es mit dem Gegensatz von Nord und Süd zu tun. Er kam
aus dem Norden, aber er regierte den Süden, wie aus einem Fragment
hervorgeht, in dem unzweideutig erklärt wird, dass der „Süden im Bann
von Kennedys Magie“ ist. Da der Süden in dieser Periode heiß und der
Norden kalt war – beides unangenehme Zustände, wenn auch aus
verschiedenen Gründen – erwartete man offenbar, dass die Gestalt des
Kaisers die Nachteile sowohl des Nordens wie des Südens auf magische
Weise beseitigen könne.
Wissenschaftler haben sich viele Gedanken
gemacht, um den mythologischen Sinn der Kriege zu erklären, die der
Kaiser ausfocht, aber auch in diesem Punkt hat Dr. Rama eine kluge
Interpretation gefunden. Wir erinnern uns, dass der Kaiser männliche wie
weibliche Eigenschaften verkörperte. Anscheinend ermutigte er seine
Untertanen, Männer zu werden (laut dem gerade zitierten Ici Paris machte
er viele Leute zu „cocus“, das heißt du „coqs“, Hähnen). In den meisten
Mythologien ist der Hahn ein Phallussymbol, aber Kennedys Niederlage
wurde ihm, wie erwähnt, von Schweinen zugefügt, und Schweine waren
ebenfalls ein Männlichkeitssymbol („diese männlichen
Chauvinistenschweine“, lesen wir in einem Fragment der Broschüre „Das
unsägliche Märtyrertum amerikanischer Frauen“). Auf diese Weise bildet
sich eine komplizierte männlich-weibliche Dialektik aus der Legende
heraus: Die männlich-weibliche Gestalt bringt Männer hervor, wird von
Männern besiegt und letztlich ermordet, mutmaßlich von einer Frau oder
auf Befehl einer Frau. Die letztgenannte Tatsache wurde durch den
Vergleich von zwei Quellen nachgewiesen: Auf einer von mehreren Seiten,
die von einem Büchlein mit dem Titel „Wahre Fakten über die Sowjetunion“
erhalten sind, lesen wir, dass „das Glück sowjetischer Frauen
unbeschreiblich“ ist, während in einer anderen Quelle – der Seite einer
Zeitung mit dem rätselhaften Namen „The Times“ – vom „tiefsten Elend
sowjetischer Männer“ gesprochen wird. So erkennen wir, dass zumindest in
einem der wichtigsten Feindesländer die Frauen glücklich und die Männer
unglücklich waren, was darauf hindeutet, dass dieses Land eine Art
Gynekokratie war.
Wir schließen mithin, dass der Versuch des Kaisers,
den männlich-weiblichen Gegensatz zu überwinden, von beiden Seiten –
männlich wie weiblich – angegriffen wurde und mit der Katastrophe endet.
Die Legende soll beweisen, dass die männlich-weibliche Synthese
unmöglich ist.
Das letzte Gegensatzpaar, auf dem die Legende aufbaut,
ist das der Begriffe „reich“ und „arm“. Der Kaiser war reich, aber wie
es in einem Beleg heißt, „ein Streiter für die Armen“. Offenbar
symbolisierte er den Versuch, den linguistischen Kontrast zwischen
Wohlstand und Armut aufzuheben. Die Tatsache, dass er besiegt wurde, und
seine Gattin (als Frau eines „Millionärs“) verarmte, ist der Beweis
dafür, dass sein Bemühen scheiterte, diese beiden gegensätzlichen
Begriffe in Einklang zu bringen.
Die tiefe pessimistische Bedeutung
des Mythos ist: die grundlegenden Widersprüche des menschlichen Lebens
könne nicht beseitigt werden – jeder Versuch, zwischen ihnen Harmonie
herzustellen, ist nichtig.
Dr. Ramas Interpretation erhielt zwar von
vielen Wissenschaftlern Applaus, wurde aber keineswegs von allen
akzeptiert. Die stärkste Attacke führte Dr. Gama, ein Anhänger des
berühmten Dr. Sigmund Fraud, der eine weitere (sogenannte
analo-psychische) Schule der Hermeneutik begründete. Dr. Gama stellte
praktisch alle Einzelheiten von Dr. Ramas Interpretationen und den
gesamten Überbau von Herrn Levi-Strauss‘ Hosen-Doktrin in Frage. Dr.
Frauds Theorie besagt, die Menschen wünschten nichts anderes als sich
dauernd zu paaren, aber um zu überleben, nötigten sie einander auch
andere Dinge zu tun, was sie unglücklich mache: infolge dieser
Unglückseligkeit schrieben manche Menschen Gedichte, andere begingen
Selbstmord, wieder andere würden führende Politiker etc. „Ich gebe zu“,
sagte Dr. Gama, „dass Dr. Rama einige interessante Tatsachen gefunden
hat, die ein neues Licht auf die Legende werfen. Aber seine
phantastische Interpretation ist völlig unhaltbar. Neue Fakten
bestätigen wiederum, dass nur fraudsche Theorie einen Schlüssel zu der
Geschichte liefern kann. Ihre wahre Bedeutung ist für jeden
unvoreingenommenen Geist offenkundig. Das Schwein, weit davon entfernt
ein Männlichkeitssymbol darzustellen, stand für einen weibischen Mann,
einen Castrato: Wie man weiß kastrierte man damals männliche
Schweine,die später zur Ernährung verwendet wurden.
Die Wendung
„diese männlichen Chauvinistenschweine“ unterstützt Dr.Ramas Spekulation
keineswegs, sondern passt sich nahtlos in die Fraudsche Doktrin ein.
Gewiss, wir haben es mit einer Beschimpfung zu tun, aber sie bezieht
sich auf kastrierte Männer, die also keine Nachkommenschaft
hervorbringen können. Das Wort Chauvinist ist noch nicht hinreichend
erklärt, aber höchstwahrscheinlich ist es mit „chauve“, das heißt kahl
oder haarlos, verwandt. UndKahlheit war ein weiteres Zeichen von
Entmannung, während Haare männliche Tüchtigkeit versinnbildlichten.
Damit ist die Interpretation klar: der Kaiser wurde im Land der
„Castrati“ („Schweine“) besiegt und musste mit Röcken bekleidet fliehen –
nicht, weil er eine androgyne Gestalt war, wie Dr.Rama behauptet,
sondern weil er unzweifelhaft halb männlich war; mit anderen Worten, er
dürfte nahezu mit Sicherheit kastriert gewesen sein. Tatsächlich
versuchte er anderen Männern – die vermutlich ebenso kastriert waren wie
er selbst – ihre Männlichkeit zurückzugeben. Aber er scheiterte. Wenn
die Frauen in einem der Feindesländer glücklich und die Männer
unglücklich waren, so wahrscheinlich deshalb, weil man die Männer in
diesem mythologischen Land kastriert hatte. Nachdem die Frauen den
Gegenstand ihres Neides beseitigt hatten, waren sie glücklich. Welche
Erklärung könnte plausibler sein? Folglich ist die Legende ein Ausdruck,
der universellen menschlichen Kastrationsangst und das Scheitern des
Kaisers symbolisiert den Umstand, dass Kastration unumkehrbar ist. Die
Theorie von Dr.Fraud hat sich wieder einmal bestätigt.
Dies war
jedoch nicht das Ende der Tagung. Ein anderer Wissenschaftler, Dr.Ngama,
griff beide vorangegangenen Interpretationen an. Prof.Ngama ist ein
Schüler des großen Dr.Calamarx: die Theorie des letzteren besagt, dass
es reiche und arme Menschen gibt, die gegeneinander kämpfen und im Laufe
ihrer Auseinandersetzung verschiedene Mythologien erfinden; Die
Mythologien der Reichen sollten alle überzeugen, dass die Reichen reich
und die Armen arm zu bleiben hätten, während die Mythologien der Armen
das Gegenteil beabsichtigen. In der Zukunft – bewies Dr.Calamarx –
würden die Armen alle Reichen umbringen und danach würden alle Menschen
sehr, sehr glücklich sein. Prof.Ngama erläuterte: „Jedem, der bei klarem
Verstand ist, sollte deutlich sein, dass, wissenschaftlich gesprochen,
die beiden bei dieser Konferenz vorgelegten Theorien nicht nur falsch,
sondern auch reaktionär sind. Dr.Ramas Pseudotheorie läuft auf die
Behauptung hinaus, die angeblichen „Strukturen“, die er sich ausgedacht
hat, seien unveränderlich – mit anderen Worten, reiche Menschen würden
stets reich und arme Menschen stets arm sein. Was Dr.Gamas Theorie
betriftt, so verkündet sie, dass arme Menschen, statt gegen
Ungerechtigkeit zu kämpfen, sich nur sorgen um den möglichen Verlust
ihres sexuellen Vermögens machen sollten.
Dabei liegt die wahre
Bedeutung der Legende auf der Hand. Das der reiche Kaiser selbst reich
war, ist nebensächlich für die Geschichte, da alle Kaiser der
Vergangenheit reich waren – nur in dem universellen Glückszustand der
Zukunft werden die Kaiser arm sein. Relevant ist, dass der Kaiser ein
Streiter für die „Armen“ war, wie sogar meine Gegner einräumen mussten.
Daraus lässt sich schließen, dass seine Feinde Streiter für die Reichen
waren, denn alle Kämpfe sind letztendlich auf den Konflikt zwischen
reich und arm zurückzuführen. Alle bekannten Elemente des Mythos
untermauern diese Interpretation. Der Kaiser wurde von Schweinen
besiegt, doch Schweine – die keineswegs dieses oder jenes sexuelle
Symbol darstellten, wie die Theorien meiner Gegner „zeigen“ sollen –
waren symbolische Bilder des Reichtums. Beide Sprecher zogen es vor, ein
Flugblatt, unterzeichnet von der „Absoluten Revolutionären
Unbesiegbaren Weltbefreiungsbewegung der Rackernden Massen“ – außer acht
zu lassen, in dem es eindeutig heißt: „Bringt die reichen Schweine um!“
Dieser edle Kaiser, ein Streiter für die Armen, wurde heimtückisch von
seinen Feinden ermordet, aber Dr. Rama selbst wies nach, dass seine
Witwe später einen armen Mann heiratete. Die Botschaft der Legende ist
also folgende: ein großer Kämpfer für die Sache der Armen ist getötet
worden, aber das Ringen geht weiter. Die Legende gehört unbestreitbar zu
der Folklore armer Menschen, und die Richtigkeit von Dr. Calamarx‘
unüberwindlicher Theorie ist wieder einmal unterstrichen worden.
Mit
drei widersprüchlichen Theorien konfrontiert, musste die Akademie die
Wahrheit – wie üblich – durch Abstimmung finden. Nach vier Wahlgängen,
die keine klare Mehrheit erbrachten, entschieden die meisten Mitglieder
sich im fünften Wahlgang für Dr. Gamas Erklärung, womit die Wahrheit von
Dr. Siegmund Frauds Theorie endgültig und wissenschaftlich festgestellt
war. Dr. Gama frohlockte, während die beiden besiegten Gelehrten, deren
Irrtümer nun bloßgestellt waren, bitterlich weinten. Wer eine falsche
antropologische Theorie verteidigt, kann mit dem Tode bestraft werden.
Leszek Kolakowski
Donnerstag, 11. April 2013
Bloß verschwommen
Vorlage für den Einzelteil
Intus
Mein Sichtfeld verschwimmt. Die Flecken auf meiner Camouflagehose scheinen über meine Beine zu wandern. Überall finde ich Halt an Wänden und Türrahmen. Ich gehe weiter, nachdem ich mich bedankt habe. Besser als gar keine Kommunikation. Meine Gliedmaßen sind schwer wie Blei und die Bilder vor meinen Augen werden meinen Blicken hinterhergeschleift. Ich beobachte die Tapete, die an den Wänden herunterfließt. Die Regale und Poster wirbeln herum und ich fühle mich ruhiger und ausgeglichen. Endlich fühle ich mich nicht mehr so, als würde es wehtun.
Intus
Mein Sichtfeld verschwimmt. Die Flecken auf meiner Camouflagehose scheinen über meine Beine zu wandern. Überall finde ich Halt an Wänden und Türrahmen. Ich gehe weiter, nachdem ich mich bedankt habe. Besser als gar keine Kommunikation. Meine Gliedmaßen sind schwer wie Blei und die Bilder vor meinen Augen werden meinen Blicken hinterhergeschleift. Ich beobachte die Tapete, die an den Wänden herunterfließt. Die Regale und Poster wirbeln herum und ich fühle mich ruhiger und ausgeglichen. Endlich fühle ich mich nicht mehr so, als würde es wehtun.
Donnerstag, 3. Januar 2013
Silent Hill: Revelation 3D
Beinahe hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet, dass der zweite Film
zu meiner Lieblingsspielserie überhaupt erscheinen würde, vergingen
doch schon mehrere Jahre, seitdem der erste Film in den Kinos lief, an
dessen Veröffentlichung ich damals übrigens genauso wenig geglaubt habe.
Am 28. November ging ich schließlich zum Pre-Release im Elbe Park
Dresden.
Alle Leser, die den Film noch nicht gesehen haben, sollten sich meinen Beitrag hier jetzt besser nicht durchlesen: er wird sehr viele Spoiler enthalten. Außerdem werde ich dabei, wie das für mich so üblich ist, in alle möglichen anderen Richtungen abschweifen. Seid also gewarnt.
Bevor ich mich aber in Ausschweifungen ergehe und Kritik äußere, lege ich mich gleich zu Beginn fest, dass ich Silent Hill Revelation für das, was es ist, sehr gut finde. Immerhin verfolge ich die Spielereihe seit dem zweiten Teil. (Das PS1-Spiel habe ich mir erst danach geholt, als ich mit dem Erscheinen der PS2 überhaupt erst auf Silent Hill aufmerksam wurde.) Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Revelation nichts für diejenigen ist, die einfach nur einen guten Horrorfilm schauen wollen und von den Spielen wenig Ahnung haben. Und Fans der Resident-Evil-Filme werden im Großteil wahrscheinlich den zweiten Silent-Hill-Film lächerlich finden, falls sie denn überhaupt etwas mit dem ersten anfangen konnten. Aber machen wir uns nichts vor: es gibt nun mal eine stark ausgeprägte Fraktionsbildung zwischen Resident Evil und Silent Hill. Wer das eine mag, wird häufig das andere kleinreden. Zumindest konnte ich das sehr oft beobachten. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
Zurück zum Film:
Er schließt gut an den ersten Teil an und ist als Videospielverfilmung ohnehin genial, wenn man mal bedenkt, was sonst so für Schrott zu Spielen gedreht wurde. (Alone in the Dark...)
Schon vor dem Schauen habe ich mich gefragt, wer dieses Mal für die Musik verantwortlich sein würde. Denn schließlich hatte ich über Akira Yamaoka, dem Silent Hill meiner Meinung nach mindestens 70 % seiner Atmosphäre zu verdanken hat, gelesen, dass er sich davon distanzieren wolle. (In Downpour hat Daniel Licht bewiesen, dass es trotzdem noch Mittel und Wege gibt, ein Silent Hill auch ohne Yamaoka zu erschaffen. Natürlich fehlt es der sehr dezenten musikalischen Untermalung von Licht an Genialität, aber durch die Idee der Radios konnte diese Zurückhaltung perfekt kompensiert werden.) In Revelation erübrigt sich diese Frage nach kurzer Zeit: die Filmmusik besteht meines Erachtens vollständig aus einem Zusammenschnitt der Spiel-OSTs. Zumindest kam mir kein einziger Song unbekannt vor und wenn, dann wurde nur minimal etwas hinzugefügt. Das ist keineswegs als Kritik gemeint. Es soll nur heißen, dass Yamaoka im Grunde auch für die Musik von Revelation verantwortlich ist, dass es aber nichts Neues zu hören gibt.
Die 3D-Animation ist ganz nett, wobei ich allerdings auch darauf verzichten kann. Es passte gut zu Silent Hill, wirkte auf mich aber lediglich dann beeindruckend, wenn weite Flächen zu sehen waren oder lange düstere Gänge.
Die schauspielerische Besetzung der Eltern von Heather/Cheryl/Sharon wurde glücklicherweise vom ersten Teil übernommen, obwohl ich es echt schade finde, dass Sean Bean als Harry Mason viel zu kurz kommt. Ich mag ihn in dieser Rolle nämlich sehr. Desweiteren ist mir nach wie vor rätselhaft, warum die Namen im ersten Teil geändert wurden. Sharon ist nicht weit entfernt von Cheryl. Warum wurde der Name trotzdem geändert? Soll das ein versteckter Hinweis auf Charon, den Fährmann der Unterwelt sein? Oder Christopher an Stelle von Harry. Dieser Umstand wurde im zweiten Film zwar ganz gut gelöst, indem Harry und Heather darüber sprechen, dass sie ihre Namen häufig ändern mussten, um dem Orden zu entgehen, aber dieses Easter Egg war mir ein bisschen zu viel. Da wurden ja zahlreiche Namen aus anderen Spielen der Reihe genannt und das wirkte auf mich ein wenig konstruiert, als wollte man überall noch etwas hineinquetschen. Bei solchen versteckten Hinweisen ist es jedoch immer schwierig, den Nerv der Fans zu treffen. Die einen freuen sich ein zweites Loch in den Po, den anderen ist es zu offensichtlich und unnötig. Also soll auch das keine Kritik sein, sondern nur mein persönliches Empfinden.
Noch einmal zum ersten Film: Ich fand die Erklärung, weshalb man eine Frau vorgezogen habe, ein wenig fadenscheinig. Es fühle sich laut Interview "echter" und "passender" an? Meiner Meinung nach wollte man vermutlich nur an die vielen anderen Horrorfilme anschließen, in denen eine Mutter verzweifelt nach ihrem Kind sucht. Ich frage mich manchmal, ob man da vielleicht vor der Darstellung eines liebevollen Vaters zurückschreckt. Dennoch ist die Lösung und vor allem das Ende des ersten Films hierdurch sehr gut geworden. Indem nicht Harry mit der Wiedergeburt seines Kindes aus der Stadt flieht, sondern seine Frau ihm das Kind übergibt und selbst zurückbleibt, wurde ein wenig jenes Ende des ersten Spiels aufgegriffen, bei dem Harry kurz nach dem Unfall offenbar tot mit dem Kopf auf dem Lenkrad seines Wagens zu sehen ist. So zumindest kam es mir vor.
Nun zu der Besetzung von Heather. Die Schauspielerin sieht eigentlich ganz nett aus, auch wenn ihr die Sommersprossen fehlen und ihr Schauspieltalent einen nicht gerade umhaut. Es ist gut, dass sie nicht ständig rumschreit, wie das bei vielen (besonders amerikanischen) Horrorfilmen oft der Fall ist. Allerdings hätte ich sie mir frecher gewünscht. Die Ansprache in der Schule wirkte auf mich ein bisschen pseudocool. Ohnehin hätte der Anfang mit der Schule und allem ein wenig kürzer sein können. Was Heathers Charakterzeichnung anbelangt, ist das ein Mangel des Drehbuchs, finde ich, weil es ihren Texten über den ganzen Film an Biss fehlt.
Claudia gefiel mir sehr gut. Ich hätte nicht gedacht, dass Trinity aus Matrix so gut zu dieser Rolle passen würde. Carrie-Anne Moss heißt die Schauspielerin. Zumindest glaube ich, dass sie es war. Wirklich schockiert war ich aber darüber, was aus Vincent geworden ist. Kann man den Typen überhaupt noch mit Vincent vergleichen? Immerhin hat er mit ihm ja nur den Namen gemeinsam. Die Liebesschnulze zwischen Heather und ihm fand ich jedenfalls völlig unnötig und unpassend. Warum kommen die meisten Filme nicht ohne aus? Die beiden lernen sich eben erst kennen und schon verlieben sie sich ineinander, wie bei Romeo und Julia. Und im Gegenzug musste Douglas dran glauben, denn dessen Rolle war ja wohl ein Witz. Kaum tauchte er auf, war er auch schon wieder tot. Dabei mag ich Douglas eigentlich sehr, auch wenn (oder gerade weil?) sein Englisch im Spiel nicht gerade von Niveau zeugt. Stattdessen verlässt Heather zum Schluss mit Vincent die Stadt. Dieses Ende und was insgesamt aus Vincent und Douglas geworden ist, das fand ich wirklich ein wenig blöd und schnulzig.
Zu diesen kleinen Irritationen meines ästhetischen Empfindens zählt wohl auch die Rolle des Pyramidenkopfes, Alessas neuem "Beschützer". Der hilft jetzt offenbar auf dem Jahrmarkt aus und dreht dort die Karussells und so. Na ja, ich bin ja auch der Meinung, dass er mittlerweile symbolisch für Silent Hill steht, obwohl er ausschließlich im zweiten Teil eine sinnvolle Funktion einnimmt. (Seinen peinlichen Gastauftritt im fünften Teil übergehen wir mal schweigend.)
Was gibt es sonst noch zu sagen? Die ganze Zeit während des Films habe ich erwartet, dass Harry gleich stirbt. Ich habe damit ganz fest gerechnet, als Heather nach Hause kommt und die Verwüstung vorfindet. Als es hieß, ihr Vater sei entführt worden, nahm ich an, man würde seinen Tod hinauszögern, um eine besonders rührselige Szene in Silent Hill zu gestalten. Doch am Ende des Films lebte er immer noch. Ich bin mir jetzt auch noch nicht sicher, wie ich das finden soll. Dass er in der Stadt bleibt, um nach seiner Frau zu suchen, wirkte wie ein Verweis auf den zweiten Spielteil, wobei ich mich natürlich frage, wie sie die komplexe Geschichte von James umsetzen wollen, wenn das der Aufhänger zum nächsten Film sein soll. Allerdings, wir erinnern uns, war im ersten Spiel Harrys Frau ebenfalls ein paar Jahre zuvor, bevor er mit Cheryl nach Silent Hill fährt, an einer langwährenden Krankheit gestorben, also im Grunde genommen die gleiche Voraussetzung wie bei James. Dieser Erzählstrang fehlt jedoch im Film völlig, weshalb eine Rettungsaktion dem Anschein nach kaum in einer psychologischen Fallstudie enden dürfte. Dennoch wäre es, wenn man die Geschichten von Laura, Angela und Eddie hinzunimmt, eine gute Möglichkeit, mit einem dritten Film eine runde Sache aus der ganzen Filmstory zu machen.
Ein weiteres Easter Egg am Ende des Films, nämlich das Erscheinen von Travis, hat mich schon schmunzeln lassen, als der LKW angefahren kam. Das hat also genauso gut funktioniert wie der Gefangenentransport von Murphy in den letzten Sekunden, was wiederum eine weitere Möglichkeit sein könnte, einen nächsten Film anzuschließen.
Das waren soweit meine Eindrücke zu Revelation. Nun bin ich mir nicht sicher, ob meine Rezension nicht eher kritisch als euphorisch klang, aber man redet halt meist mehr über das, was einen stört. Ich war von einigen abgewandelten Spielzitaten angetan. Auch die Krankenschwestern mochte ich mal wieder sehr. Und ich war erstaunt, was für eine lange Filmszene man aus so einem kleinen Raum mit Schaufensterpuppen im dritten Spiel machen kann.
Alles in allem hatte ich das Gefühl, dass die Macher mit Silent Hill Revelation durchaus eine Liebe zur Spielreihe ausdrückten.
Alle Leser, die den Film noch nicht gesehen haben, sollten sich meinen Beitrag hier jetzt besser nicht durchlesen: er wird sehr viele Spoiler enthalten. Außerdem werde ich dabei, wie das für mich so üblich ist, in alle möglichen anderen Richtungen abschweifen. Seid also gewarnt.
Bevor ich mich aber in Ausschweifungen ergehe und Kritik äußere, lege ich mich gleich zu Beginn fest, dass ich Silent Hill Revelation für das, was es ist, sehr gut finde. Immerhin verfolge ich die Spielereihe seit dem zweiten Teil. (Das PS1-Spiel habe ich mir erst danach geholt, als ich mit dem Erscheinen der PS2 überhaupt erst auf Silent Hill aufmerksam wurde.) Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Revelation nichts für diejenigen ist, die einfach nur einen guten Horrorfilm schauen wollen und von den Spielen wenig Ahnung haben. Und Fans der Resident-Evil-Filme werden im Großteil wahrscheinlich den zweiten Silent-Hill-Film lächerlich finden, falls sie denn überhaupt etwas mit dem ersten anfangen konnten. Aber machen wir uns nichts vor: es gibt nun mal eine stark ausgeprägte Fraktionsbildung zwischen Resident Evil und Silent Hill. Wer das eine mag, wird häufig das andere kleinreden. Zumindest konnte ich das sehr oft beobachten. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
Zurück zum Film:
Er schließt gut an den ersten Teil an und ist als Videospielverfilmung ohnehin genial, wenn man mal bedenkt, was sonst so für Schrott zu Spielen gedreht wurde. (Alone in the Dark...)
Schon vor dem Schauen habe ich mich gefragt, wer dieses Mal für die Musik verantwortlich sein würde. Denn schließlich hatte ich über Akira Yamaoka, dem Silent Hill meiner Meinung nach mindestens 70 % seiner Atmosphäre zu verdanken hat, gelesen, dass er sich davon distanzieren wolle. (In Downpour hat Daniel Licht bewiesen, dass es trotzdem noch Mittel und Wege gibt, ein Silent Hill auch ohne Yamaoka zu erschaffen. Natürlich fehlt es der sehr dezenten musikalischen Untermalung von Licht an Genialität, aber durch die Idee der Radios konnte diese Zurückhaltung perfekt kompensiert werden.) In Revelation erübrigt sich diese Frage nach kurzer Zeit: die Filmmusik besteht meines Erachtens vollständig aus einem Zusammenschnitt der Spiel-OSTs. Zumindest kam mir kein einziger Song unbekannt vor und wenn, dann wurde nur minimal etwas hinzugefügt. Das ist keineswegs als Kritik gemeint. Es soll nur heißen, dass Yamaoka im Grunde auch für die Musik von Revelation verantwortlich ist, dass es aber nichts Neues zu hören gibt.
Die 3D-Animation ist ganz nett, wobei ich allerdings auch darauf verzichten kann. Es passte gut zu Silent Hill, wirkte auf mich aber lediglich dann beeindruckend, wenn weite Flächen zu sehen waren oder lange düstere Gänge.
Die schauspielerische Besetzung der Eltern von Heather/Cheryl/Sharon wurde glücklicherweise vom ersten Teil übernommen, obwohl ich es echt schade finde, dass Sean Bean als Harry Mason viel zu kurz kommt. Ich mag ihn in dieser Rolle nämlich sehr. Desweiteren ist mir nach wie vor rätselhaft, warum die Namen im ersten Teil geändert wurden. Sharon ist nicht weit entfernt von Cheryl. Warum wurde der Name trotzdem geändert? Soll das ein versteckter Hinweis auf Charon, den Fährmann der Unterwelt sein? Oder Christopher an Stelle von Harry. Dieser Umstand wurde im zweiten Film zwar ganz gut gelöst, indem Harry und Heather darüber sprechen, dass sie ihre Namen häufig ändern mussten, um dem Orden zu entgehen, aber dieses Easter Egg war mir ein bisschen zu viel. Da wurden ja zahlreiche Namen aus anderen Spielen der Reihe genannt und das wirkte auf mich ein wenig konstruiert, als wollte man überall noch etwas hineinquetschen. Bei solchen versteckten Hinweisen ist es jedoch immer schwierig, den Nerv der Fans zu treffen. Die einen freuen sich ein zweites Loch in den Po, den anderen ist es zu offensichtlich und unnötig. Also soll auch das keine Kritik sein, sondern nur mein persönliches Empfinden.
Noch einmal zum ersten Film: Ich fand die Erklärung, weshalb man eine Frau vorgezogen habe, ein wenig fadenscheinig. Es fühle sich laut Interview "echter" und "passender" an? Meiner Meinung nach wollte man vermutlich nur an die vielen anderen Horrorfilme anschließen, in denen eine Mutter verzweifelt nach ihrem Kind sucht. Ich frage mich manchmal, ob man da vielleicht vor der Darstellung eines liebevollen Vaters zurückschreckt. Dennoch ist die Lösung und vor allem das Ende des ersten Films hierdurch sehr gut geworden. Indem nicht Harry mit der Wiedergeburt seines Kindes aus der Stadt flieht, sondern seine Frau ihm das Kind übergibt und selbst zurückbleibt, wurde ein wenig jenes Ende des ersten Spiels aufgegriffen, bei dem Harry kurz nach dem Unfall offenbar tot mit dem Kopf auf dem Lenkrad seines Wagens zu sehen ist. So zumindest kam es mir vor.
Nun zu der Besetzung von Heather. Die Schauspielerin sieht eigentlich ganz nett aus, auch wenn ihr die Sommersprossen fehlen und ihr Schauspieltalent einen nicht gerade umhaut. Es ist gut, dass sie nicht ständig rumschreit, wie das bei vielen (besonders amerikanischen) Horrorfilmen oft der Fall ist. Allerdings hätte ich sie mir frecher gewünscht. Die Ansprache in der Schule wirkte auf mich ein bisschen pseudocool. Ohnehin hätte der Anfang mit der Schule und allem ein wenig kürzer sein können. Was Heathers Charakterzeichnung anbelangt, ist das ein Mangel des Drehbuchs, finde ich, weil es ihren Texten über den ganzen Film an Biss fehlt.
Claudia gefiel mir sehr gut. Ich hätte nicht gedacht, dass Trinity aus Matrix so gut zu dieser Rolle passen würde. Carrie-Anne Moss heißt die Schauspielerin. Zumindest glaube ich, dass sie es war. Wirklich schockiert war ich aber darüber, was aus Vincent geworden ist. Kann man den Typen überhaupt noch mit Vincent vergleichen? Immerhin hat er mit ihm ja nur den Namen gemeinsam. Die Liebesschnulze zwischen Heather und ihm fand ich jedenfalls völlig unnötig und unpassend. Warum kommen die meisten Filme nicht ohne aus? Die beiden lernen sich eben erst kennen und schon verlieben sie sich ineinander, wie bei Romeo und Julia. Und im Gegenzug musste Douglas dran glauben, denn dessen Rolle war ja wohl ein Witz. Kaum tauchte er auf, war er auch schon wieder tot. Dabei mag ich Douglas eigentlich sehr, auch wenn (oder gerade weil?) sein Englisch im Spiel nicht gerade von Niveau zeugt. Stattdessen verlässt Heather zum Schluss mit Vincent die Stadt. Dieses Ende und was insgesamt aus Vincent und Douglas geworden ist, das fand ich wirklich ein wenig blöd und schnulzig.
Zu diesen kleinen Irritationen meines ästhetischen Empfindens zählt wohl auch die Rolle des Pyramidenkopfes, Alessas neuem "Beschützer". Der hilft jetzt offenbar auf dem Jahrmarkt aus und dreht dort die Karussells und so. Na ja, ich bin ja auch der Meinung, dass er mittlerweile symbolisch für Silent Hill steht, obwohl er ausschließlich im zweiten Teil eine sinnvolle Funktion einnimmt. (Seinen peinlichen Gastauftritt im fünften Teil übergehen wir mal schweigend.)
Was gibt es sonst noch zu sagen? Die ganze Zeit während des Films habe ich erwartet, dass Harry gleich stirbt. Ich habe damit ganz fest gerechnet, als Heather nach Hause kommt und die Verwüstung vorfindet. Als es hieß, ihr Vater sei entführt worden, nahm ich an, man würde seinen Tod hinauszögern, um eine besonders rührselige Szene in Silent Hill zu gestalten. Doch am Ende des Films lebte er immer noch. Ich bin mir jetzt auch noch nicht sicher, wie ich das finden soll. Dass er in der Stadt bleibt, um nach seiner Frau zu suchen, wirkte wie ein Verweis auf den zweiten Spielteil, wobei ich mich natürlich frage, wie sie die komplexe Geschichte von James umsetzen wollen, wenn das der Aufhänger zum nächsten Film sein soll. Allerdings, wir erinnern uns, war im ersten Spiel Harrys Frau ebenfalls ein paar Jahre zuvor, bevor er mit Cheryl nach Silent Hill fährt, an einer langwährenden Krankheit gestorben, also im Grunde genommen die gleiche Voraussetzung wie bei James. Dieser Erzählstrang fehlt jedoch im Film völlig, weshalb eine Rettungsaktion dem Anschein nach kaum in einer psychologischen Fallstudie enden dürfte. Dennoch wäre es, wenn man die Geschichten von Laura, Angela und Eddie hinzunimmt, eine gute Möglichkeit, mit einem dritten Film eine runde Sache aus der ganzen Filmstory zu machen.
Ein weiteres Easter Egg am Ende des Films, nämlich das Erscheinen von Travis, hat mich schon schmunzeln lassen, als der LKW angefahren kam. Das hat also genauso gut funktioniert wie der Gefangenentransport von Murphy in den letzten Sekunden, was wiederum eine weitere Möglichkeit sein könnte, einen nächsten Film anzuschließen.
Das waren soweit meine Eindrücke zu Revelation. Nun bin ich mir nicht sicher, ob meine Rezension nicht eher kritisch als euphorisch klang, aber man redet halt meist mehr über das, was einen stört. Ich war von einigen abgewandelten Spielzitaten angetan. Auch die Krankenschwestern mochte ich mal wieder sehr. Und ich war erstaunt, was für eine lange Filmszene man aus so einem kleinen Raum mit Schaufensterpuppen im dritten Spiel machen kann.
Alles in allem hatte ich das Gefühl, dass die Macher mit Silent Hill Revelation durchaus eine Liebe zur Spielreihe ausdrückten.
Montag, 22. Oktober 2012
Ich wäre gern eine tote Katze
Ihre Mutter hält mich für einen schizoiden Menschen. Offenbar hatte sie mit ihrem Psychoanalytiker über mich gesprochen, und er ist einer Meinung mit ihr. Mrs. Fedder hat Muriel beauftragt, diskret nachzuforschen, ob es in meiner Familie Fälle von Irresein gibt. Ich glaube, Muriel war so naiv, ihr zu erzählen, woher die Narben an meinem Handgelenk stammen, das arme liebe Kind. Aber wie M. mir sagt, machen diese Narben ihrer Mutter bei weitem nicht so viel Sorgen wie ein paar andere Tatsachen. Drei oder vier Tatsachen. Erstens: ich ziehe mich zurück und suche keine Beziehungen zu meinen Mitmenschen. Zweitens: offenbar <stimmt> etwas mit mir nicht, weil ich es unterlassen habe, Muriel zu verführen. Drittens: offenbar ist Mrs. Fedder tagelang von einer Bemerkung verfolgt worden, die ich eines Abends beim Essen gemacht habe: ich wäre gern eine tote Katze. In der vorigen Woche fragte sie mich beim Essen, was ich zu tun beabsichtige, wenn ich aus der Armee entlassen bin. Würde ich meine Lehrtätigkeit am selben College wieder ausüben? Oder würde ich vielleicht wieder zum Funk gehen, vielleicht als <Kommentator>? Ich antwortete, ich hätte das Gefühl, dass der Krieg endlos weitergehen werde und dass ich nur eines sicher wisse: wenn der Friede jemals wiederkäme, wäre ich am liebsten eine tote Katze. Mrs. Fedder dachte, das solle irgendein Witz sein. Ein intellektueller Witz. Wie Muriel mir sagt, hält sie mich für sehr intellektuell. Sie glaubte, meine todernste Bemerkung wäre die Art von Witz, die man mit einem leichten, musikalischen Lachen honorieren sollte. Mir scheint, dass ich ein bisschen bestürzt war, als sie lachte, und dass ich vergaß, ihr die Sache zu erklären. Heute Abend erzählte ich Muriel folgendes: ein Meister im Zen-Buddhismus wurde einmal gefragt, was das wertvollste Ding auf der Welt sei, und der Meister antwortete, das sei eine tote Katze, denn niemand könne ihren Preis nennen.
Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute von J. D. Salinger
Freitag, 5. Oktober 2012
Deutschland schafft sich ab
Zwischen meinen Unterlagen habe ich plötzlich den vor langer Zeit
gesuchten Entwurf zu dem nun folgenden Weblogeintrag gefunden. Ich hatte
die Hoffnung schon aufgegeben, dieses Blatt Papier mit den in Bleistift
hingekritzelten kleinen Buchstaben in engen Zeilen überhaupt noch zu
finden. Mir war die Lust vergangen, noch einmal aufzuschreiben, was ich
damals über dieses Buch von Sarrazin beim Lesen dachte. Dabei wollte ich
doch schon längst einen ergänzenden Weblogeintrag schreiben, in welchen
ich die vor anderthalb Jahren gestartete Umfrage einbetten kann.
Nun gut, ich werde mich wohl damit begnügen, diese Notizen einfach nur noch abzutippen, obwohl das Thema mittlerweile verjährt ist. Vielleicht ist es ganz gut, dass es nicht mehr aktuell ist und sich deshalb niemand mehr dafür interessiert, dann muss ich mich wenigstens nicht mit intellektuellen Diskussionen herumschlagen.
Ein paar kritische Anmerkungen zu
Thilo Sarrazin
Deutschland schafft sich ab
1. Zukunftsaussicht
Thilo Sarrazin nutzt Statistiken, verzeichnete Tendenzen von Entwicklungen und bloße Mutmaßungen, um zu skizzieren, wie es seiner Meinung nach mit Deutschland weitergehen wird. Die Annahme, dass die deutsche Bevölkerung aussterben würde, halte ich allerdings für völlig absurd. Das ist im Folgenden zwar ziemlich hart ausgedrückt, aber nicht einmal die Nationalsozialisten haben es "geschafft", eine Menschenkultur auszulöschen, obwohl ihre Maßnahmen weit effizienter waren als die angebliche Bedrohung durch die Migration. Im Zuge der Globalisierung werden wir multikulturell. Wieso sollen wir alle Alarmglocken läuten, wenn Deutschland keineswegs ein Spitzenreiter dieser Multikultur ist?
Man kann demografische und andere Entwicklungen durchaus logisch fortführen, sogar zu einem vermuteten sozialen und wirtschaftlichen Resultat in der Zukunft. Vielleicht ist es in politischer Hinsicht sogar angebracht, derartige Erhebungen vorzunehmen, um die Notwendigkeit einer Reaktion auf negative Entwicklungen zu erkennen. Doch besonders als Historiker bin ich bei allen teleologischen Konzepten vorsichtig. In der Regel kommt es nämlich sowieso anders, als man denkt. Sarrazin hat sich bei der Reichweite seiner Zukunftsvoraussicht enorm weit aus dem Fenster gelehnt.
2. Standpunkt des Autors
Möglicherweise unbeabsichtigt unterstreicht Sarrazin manches Mal zu stark seinen eigenen Standpunkt, selbst wenn er an diesem Beispiel nur veranschaulichen möchte. An vielen Stellen wirkte dies wie eine Zurschaustellung seiner eigenen Person. Früher sei ja ohnehin alles besser gewesen, obgleich gerade hiermit auch ein jahrtausendealter Generationskonflikt zu Tage tritt. Wie gesagt, das betrifft nur seine Wirkung auf mich, weil ich das Gefühl hatte, er würde seinen eigenen Standpunkt und die persönlichen Erfahrungen überschätzen. Ein längerer Bericht über seine Kindheit trägt eben nicht zwangsläufig zum besseren Verständnis oder der Anschaulichkeit des Textes bei und wird somit überflüssig. Dennoch möchte ich mit dieser Kritik nicht das Bild vermitteln, Sarrazin spräche in diesem Buch die meiste Zeit nur von sich selbst. Dem ist nämlich nicht so, denn grundsätzlich hält sich solcherlei Berichterstattung in Grenzen.
Bei den Darstellungen kam mir jedoch immer wieder ein Gedanke: anders bedeutet nicht besser oder schlechter, sondern einfach nur anders. Es erscheint mir ungerechtfertigt, einen Zustand zu verteufeln, nur weil eine Veränderung eingetreten ist. Heute mögen manche Wege verschlossen sein, aber dafür eröffnen sich andere. Und damit bin ich bei einem Schwerpunkt von Sarrazins Buch...
3. Kritik an modernen Medien
Vielfach wird im Buch kritisiert, dass Kinder fernsehen oder Computerspiele spielen, anstatt zu lesen oder sich sportlich zu betätigen. Natürlich finde ich, dass diese Argumente ihre Berechtigung habe, aber trotzdem schließt das eine das andere nicht aus. Dahingehend wurde viel zu wenig differenziert, denn immerhin sind Filme und Videospiele meines Erachtens ebenso ein Kulturgut wie Bücher, auch wenn vielen Älteren diese Bezeichnung besonders im Bezug auf Videospiele vermutlich im Hals stecken bleibt. Auch Computerspiele können viel vermitteln, den Kopf trainieren und motorische Fähigkeiten fördern. In unserer technisierten Welt hat der Umgang mit modernen Medien ohnehin enorm an Bedeutung gewonnen. Natürlich ist stupides Konsumieren vor dem Fernseher keineswegs besser als das Lesen eines Buches. Aber besonders in einer stetig moderner werdenden Welt ist es wichtig, nicht allein auf die Medien der Vergangenheit zu verweisen, sondern die neuen Medien so aufzuarbeiten, dass sie zunehmend eine Bereicherung und keine Last mehr sind. Früher gingen Menschen ins Theater und wurden beim Lustspiel unterhalten, was den Gebildeten als stupide erscheinen mochte. Heute wird mit dem Theater fast ausschließlich ein kulturell wertvolles Gut verbunden. Früher begann man Groschenromane und Fortsetzungsromane in Zeitungen zu lesen und selbst zu verfassen; zum Beispiel lasen Frauen Romane, die von einigen (insbesondere männlichen) Schichten als Schund empfunden wurden. Heute kann man offenbar froh darüber sein, die Tendenz zu beobachten, dass solche Filme wie "Herr der Ringe", "Harry Potter" oder "Twilight" dazu geführt haben, dass Kinder und Jugendliche überhaupt zu Büchern greifen.
Es ist keinesfalls selbstverständlich, dass Eltern ihre Kinder in dieser Hinsicht unterstützen. Bedauerlicherweise werden Filme, Videospiele und Comics noch immer per se misstrauisch beäugt, wohingegen Bücher, egal welchen Inhalts, nahezu problemlos an jede Altersgruppe vergeben werden. Hierzu fällt mir eine in meinen Augen unglaubliche und lächerliche Geschichte ein: die Mutter meines Schwagers erlaubte ihrer noch minderjährigen Tochter "Die Tribute von Panem" zu lesen. Obwohl es in diesen Büchern relativ gewalttätig zugeht, ist das nicht einmal etwas, was ich kritisieren würde. Als besagte Tochter eines Tages jedoch mit dem ersten Teil von "Harry Potter" nach Hause kam, den sie sich von einem Klassenkameraden geliehen hatte, musste sie dieses Buch ungelesen wieder zurückgeben. Es wurde ihr verboten, "Harry Potter" zu lesen, weil darin angeblich "echte Zaubersprüche" vorkämen und Hexen schließlich die Boten des Teufels wären. Man muss bedenken, dass es sich hier um eine Familie aus einem kleinen Vorort in Louisiana handelt, deren Mitglieder wegen des christlichen Glaubens äußerst vorurteilsvoll geprägt sind und sogar die Evolutionstheorie für ausgemachten Unsinn halten, wie übrigens nicht wenige andere Amerikaner auch.
4. Fazit
Unter der Umfrage finden sich bei den Kommentaren noch Ergänzungen zu meiner Meinung, die ich hier nicht noch einmal aufgreife. Jetzt habe ich kaum etwas über die Migrantenpolitik geschrieben. Es ist durchaus interessant, dass Sarrazin manche Zusammenhänge durch Fakten darlegt. Meiner Meinung nach sollte man jedoch eindeutig beachten, dass "Deutschland schafft sich ab" weitaus weniger provokativ und heikel ist, als man das bei den ganzen Debatten und dem allgemeinen Aufbegehren der Öffentlichkeit hätte erwarten können. Ein paar Stellen sind versuchsweise extremer formuliert, wahrscheinlich um die Diskussion überhaupt erst einmal anzukurbeln. Möglicherweise hat man sich deshalb auch bei der Aufmachung des Buches der allseits bekannten drei Nazi-Farben bedient, um zusätzlich zu provozieren; ob diese Wahl jetzt so vorteilhaft war oder nicht, sei mal dahingestellt. Die Schwerpunktlegung und der Tonfall lassen "Deutschland schafft sich ab" oft so objektiv erscheinen wie eine Fotografie. Man sieht eben nur das, was der Beobachter einfängt und ins "rechte" Licht rückt.
Nun gut, ich werde mich wohl damit begnügen, diese Notizen einfach nur noch abzutippen, obwohl das Thema mittlerweile verjährt ist. Vielleicht ist es ganz gut, dass es nicht mehr aktuell ist und sich deshalb niemand mehr dafür interessiert, dann muss ich mich wenigstens nicht mit intellektuellen Diskussionen herumschlagen.
Ein paar kritische Anmerkungen zu
Thilo Sarrazin
Deutschland schafft sich ab
1. Zukunftsaussicht
Thilo Sarrazin nutzt Statistiken, verzeichnete Tendenzen von Entwicklungen und bloße Mutmaßungen, um zu skizzieren, wie es seiner Meinung nach mit Deutschland weitergehen wird. Die Annahme, dass die deutsche Bevölkerung aussterben würde, halte ich allerdings für völlig absurd. Das ist im Folgenden zwar ziemlich hart ausgedrückt, aber nicht einmal die Nationalsozialisten haben es "geschafft", eine Menschenkultur auszulöschen, obwohl ihre Maßnahmen weit effizienter waren als die angebliche Bedrohung durch die Migration. Im Zuge der Globalisierung werden wir multikulturell. Wieso sollen wir alle Alarmglocken läuten, wenn Deutschland keineswegs ein Spitzenreiter dieser Multikultur ist?
Man kann demografische und andere Entwicklungen durchaus logisch fortführen, sogar zu einem vermuteten sozialen und wirtschaftlichen Resultat in der Zukunft. Vielleicht ist es in politischer Hinsicht sogar angebracht, derartige Erhebungen vorzunehmen, um die Notwendigkeit einer Reaktion auf negative Entwicklungen zu erkennen. Doch besonders als Historiker bin ich bei allen teleologischen Konzepten vorsichtig. In der Regel kommt es nämlich sowieso anders, als man denkt. Sarrazin hat sich bei der Reichweite seiner Zukunftsvoraussicht enorm weit aus dem Fenster gelehnt.
2. Standpunkt des Autors
Möglicherweise unbeabsichtigt unterstreicht Sarrazin manches Mal zu stark seinen eigenen Standpunkt, selbst wenn er an diesem Beispiel nur veranschaulichen möchte. An vielen Stellen wirkte dies wie eine Zurschaustellung seiner eigenen Person. Früher sei ja ohnehin alles besser gewesen, obgleich gerade hiermit auch ein jahrtausendealter Generationskonflikt zu Tage tritt. Wie gesagt, das betrifft nur seine Wirkung auf mich, weil ich das Gefühl hatte, er würde seinen eigenen Standpunkt und die persönlichen Erfahrungen überschätzen. Ein längerer Bericht über seine Kindheit trägt eben nicht zwangsläufig zum besseren Verständnis oder der Anschaulichkeit des Textes bei und wird somit überflüssig. Dennoch möchte ich mit dieser Kritik nicht das Bild vermitteln, Sarrazin spräche in diesem Buch die meiste Zeit nur von sich selbst. Dem ist nämlich nicht so, denn grundsätzlich hält sich solcherlei Berichterstattung in Grenzen.
Bei den Darstellungen kam mir jedoch immer wieder ein Gedanke: anders bedeutet nicht besser oder schlechter, sondern einfach nur anders. Es erscheint mir ungerechtfertigt, einen Zustand zu verteufeln, nur weil eine Veränderung eingetreten ist. Heute mögen manche Wege verschlossen sein, aber dafür eröffnen sich andere. Und damit bin ich bei einem Schwerpunkt von Sarrazins Buch...
3. Kritik an modernen Medien
Vielfach wird im Buch kritisiert, dass Kinder fernsehen oder Computerspiele spielen, anstatt zu lesen oder sich sportlich zu betätigen. Natürlich finde ich, dass diese Argumente ihre Berechtigung habe, aber trotzdem schließt das eine das andere nicht aus. Dahingehend wurde viel zu wenig differenziert, denn immerhin sind Filme und Videospiele meines Erachtens ebenso ein Kulturgut wie Bücher, auch wenn vielen Älteren diese Bezeichnung besonders im Bezug auf Videospiele vermutlich im Hals stecken bleibt. Auch Computerspiele können viel vermitteln, den Kopf trainieren und motorische Fähigkeiten fördern. In unserer technisierten Welt hat der Umgang mit modernen Medien ohnehin enorm an Bedeutung gewonnen. Natürlich ist stupides Konsumieren vor dem Fernseher keineswegs besser als das Lesen eines Buches. Aber besonders in einer stetig moderner werdenden Welt ist es wichtig, nicht allein auf die Medien der Vergangenheit zu verweisen, sondern die neuen Medien so aufzuarbeiten, dass sie zunehmend eine Bereicherung und keine Last mehr sind. Früher gingen Menschen ins Theater und wurden beim Lustspiel unterhalten, was den Gebildeten als stupide erscheinen mochte. Heute wird mit dem Theater fast ausschließlich ein kulturell wertvolles Gut verbunden. Früher begann man Groschenromane und Fortsetzungsromane in Zeitungen zu lesen und selbst zu verfassen; zum Beispiel lasen Frauen Romane, die von einigen (insbesondere männlichen) Schichten als Schund empfunden wurden. Heute kann man offenbar froh darüber sein, die Tendenz zu beobachten, dass solche Filme wie "Herr der Ringe", "Harry Potter" oder "Twilight" dazu geführt haben, dass Kinder und Jugendliche überhaupt zu Büchern greifen.
Es ist keinesfalls selbstverständlich, dass Eltern ihre Kinder in dieser Hinsicht unterstützen. Bedauerlicherweise werden Filme, Videospiele und Comics noch immer per se misstrauisch beäugt, wohingegen Bücher, egal welchen Inhalts, nahezu problemlos an jede Altersgruppe vergeben werden. Hierzu fällt mir eine in meinen Augen unglaubliche und lächerliche Geschichte ein: die Mutter meines Schwagers erlaubte ihrer noch minderjährigen Tochter "Die Tribute von Panem" zu lesen. Obwohl es in diesen Büchern relativ gewalttätig zugeht, ist das nicht einmal etwas, was ich kritisieren würde. Als besagte Tochter eines Tages jedoch mit dem ersten Teil von "Harry Potter" nach Hause kam, den sie sich von einem Klassenkameraden geliehen hatte, musste sie dieses Buch ungelesen wieder zurückgeben. Es wurde ihr verboten, "Harry Potter" zu lesen, weil darin angeblich "echte Zaubersprüche" vorkämen und Hexen schließlich die Boten des Teufels wären. Man muss bedenken, dass es sich hier um eine Familie aus einem kleinen Vorort in Louisiana handelt, deren Mitglieder wegen des christlichen Glaubens äußerst vorurteilsvoll geprägt sind und sogar die Evolutionstheorie für ausgemachten Unsinn halten, wie übrigens nicht wenige andere Amerikaner auch.
4. Fazit
Unter der Umfrage finden sich bei den Kommentaren noch Ergänzungen zu meiner Meinung, die ich hier nicht noch einmal aufgreife. Jetzt habe ich kaum etwas über die Migrantenpolitik geschrieben. Es ist durchaus interessant, dass Sarrazin manche Zusammenhänge durch Fakten darlegt. Meiner Meinung nach sollte man jedoch eindeutig beachten, dass "Deutschland schafft sich ab" weitaus weniger provokativ und heikel ist, als man das bei den ganzen Debatten und dem allgemeinen Aufbegehren der Öffentlichkeit hätte erwarten können. Ein paar Stellen sind versuchsweise extremer formuliert, wahrscheinlich um die Diskussion überhaupt erst einmal anzukurbeln. Möglicherweise hat man sich deshalb auch bei der Aufmachung des Buches der allseits bekannten drei Nazi-Farben bedient, um zusätzlich zu provozieren; ob diese Wahl jetzt so vorteilhaft war oder nicht, sei mal dahingestellt. Die Schwerpunktlegung und der Tonfall lassen "Deutschland schafft sich ab" oft so objektiv erscheinen wie eine Fotografie. Man sieht eben nur das, was der Beobachter einfängt und ins "rechte" Licht rückt.
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