Dienstag, 11. August 2009

"Du willst Kira töten?"

Kashino: "Sie haben dich also entlassen..."
Makio: "Nun, vorläufig schon, wie es aussieht. Aber solche Läden gibt's sowieso nur der Form halber... Du kommst rein und wenn du wieder rauskommst, hat sich nicht viel getan. Aber das weißt du ja selbst am besten, nicht wahr?"
Kashino: (Pause.) "Ich war neulich in der Psychiatrie."
Makio: "Ja, ich hab dich dort zufällig im Park gesehen. Aber du willst mir doch nicht erzählen, dass du wieder in Behandlung musst?"
Kashino: "Aber nein... Ich habe einen Arzt besucht, den ich von früher kenne."
Makio: (Pause.) "Ja, ich dachte mir das schon... Wäre ja auch seltsam, wenn einer, der kurz vor seiner Hochzeit steht..."
Kashino: "Woher weißt du davon?"
Makio: (Lachen.) "Hör mal, so viel bekomme selbst ich noch mit. An jeder Ecke hört man Gerüchte über euch. Und selbst ich habe so meine Freunde..." (Lächeln.) "Du willst schon wieder etwas ganz für dich haben. Trotz dieser Erfahrung damals... Was passiert, wenn du es auch diesmal wieder verlierst? Zum zweiten Mal, das wird eine bittere Pille für dich."
Kashino: (Pause.) "Du willst Kira töten?"
Makio: "Tja, was könnte ich mit Verlieren wohl meinen?"
Kashino: "Wenn ich Kira verlieren würde... müsste ich dich wohl töten. Egal, ob das ein Fehler wäre oder nicht. Egal, wie lange es dauern würde oder welche Mittel dazu nötig wären. Es würde zu meinem Lebenszweck werden. Allerdings... was wohl danach käme? Wenn ich Kira verloren und dich getötet hätte. Selbst wenn ich weiterleben könnte, würde ich meines Lebens... wohl nicht mehr froh." (Lachen.) "Nicht mehr froh? Das sagt sich so leicht..."
Makio: "Was gibt's da so blöd zu kichern, Kashino? Was soll das, hier den coolen Erwachsenen zu spielen, der über allem steht?"
Kashino: (Pause.) "Ich will hier nicht den Erwachsenen spielen. Ich stehe auch ganz und gar nicht über der Sache. Aber egal, was mir passiert, und egal, was ich tue... es wäre eine Tatsache, vor der ich nicht weglaufen könnte. Auch wenn ich es ignorieren würde. Auch wenn ich anderen die Schuld gäbe und mich an meiner Umgebung abreagieren würde. Wenn ich abends allein im Bett liege und die Augen schließe, würde es mich überkommen. Dieses Gefühl, ohnmächtig zu sein..."
Makio: "Hör jetzt auf! Was ist denn mit dir los?! Wieso redest ausgerechnet du so ein Zeug?! Du warst doch früher auch nicht so drauf! Was soll dieses altmodische moralische Getue?!"
Stimme im Hintergrund: "Wenn du berühmt werden willst, musst du einen umbringen..." (Kashino und Makio sich umwendend, unbemerkt zuhörend.) "Na ja, es ist nicht besonders originell, aber... mit 'nem Mord geht's nun mal am schnellsten. Dein Gesicht dürfen sie auch nicht zeigen. Also wenn, dann müsste man's bald tun. Bevor unsere Zeit abläuft*, sozusagen." (Lachen.)
Makio: "Wie will der Kerl berühmt werden, wenn keiner seinen Namen und sein Gesicht kennt? Diese Durchschnittsidioten finde ich am schlimmsten, Kashino. Es ist schon widerlich, dass sie die gleiche Luft atmen wie man selbst. Aber wirklich unerträglich ist... dass solche Typen das gleiche Recht auf Leben haben wie man selbst. Egal, wie widerlich und überflüssig die sind, wenn du einen umbringst, bist du ein Verbrecher. In so einer Welt leben zu müssen... ist an sich schon unerträglich."
Kashino: "Seltsam, Makio... ich dachte immer, dass du alle Menschen außer dir selbst für Müll und Abschaum hältst. Dann versteh ich eins nicht... Irgendwie habe ich den Eindruck, dass diese dummen Kerle mit ihrem dummen Geschwätz dich eben ganz schön beeindruckt haben." (Pause.) "Bist halt doch ein armes Schwein, Makio."
Makio: (Kashino wütend Wasser ins Gesicht schüttend.) "Mich beeindruckt, sagst du?! Diese Typen?! Mich?! Du meinst, dass solche Kerle mir überlegen sind?! Dass ich ein armes Schwein bin?!" (Schreiend.) "So etwas muss ich mir von dir nicht bieten lassen!"
Kashino: (Pause.) "Sieh mal an... du kannst ja richtig laut werden." (Pause.) "Jetzt hast du mich zum ersten Mal an einen Menschen erinnert."
Mars von Fuyumi Soryo

* Kinder unter 14 Jahren sind in Japan nicht strafmündig.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Das Fundament der Wissenschaft

Im Aufbau der Wissenschaft gilt das heraklitische Wort, dass der Weg nach oben und der Weg nach unten derselbe ist. Je höher das Gebäude der Wissenschaft wächst und je freier es sich in die Lüfte erhebt, umso mehr bedarf es der Prüfung und der ständigen Erneuerung seiner Grundlagen. Dem Zustrom neuer Tatsachen muss die Tieferlegung der Fundamente entsprechen, die zum Wesen jeder Wissenschaft gehört. Ist dem so, so ist klar, dass und warum die Arbeit an der Auffindung und Sicherung der Prinzipien den Einzelwissenschaften nicht abgenommen und auf eine besondere philosophische Disziplin, auf die Erkenntnistheorie oder Methodenlehre, übertragen werden kann.
Ernst Cassirer

Sonntag, 26. Juli 2009

Übernahme des Tons

Weil man wohl oder übel den gegebenen Ton übernimmt; weil man sich beim Eintritt in die Gesellschaft, gewohnheitsgemäß schon an der Zimmertür, bis hin zum Gesichtsausdruck auf diejenigen einstellt, die man sieht; man macht Scherze, wenn man traurig ist, man spielt den Traurigen, wenn man lieber scherzen würde; wovon immer die Rede sein mag, man will mitreden; und ob nun der Literat politisiert, der Politiker metaphysiziert, der Metaphysiker moralisiert, der Moralist über Finanzen redet, der Finanzier über Literatur oder Geometrie - jeder, anstatt zuzuhören oder zu schweigen, schwatzt über das, was er nicht weiß, und alle langweilen sich aus dummer Eitelkeit oder Höflichkeit.
Denis Diderot

Montag, 13. Juli 2009

Einen Menschen umzubringen ist einfach

"Sie tun ja immer noch fünf Löffel Zucker rein."
"Natürlich. Sonst schmeckt der Kaffee ja gar nicht. Du wusstest von mir, oder?"
"Ohne Zweifel waren Sie ein professioneller Killer. Und zwar einer der absolut besten."
"Was meinst du, wie viele Menschen ich schon getötet habe? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht mehr. Es war für mich nichts Besonderes. Ich tat nur meinen Job.
An dem einen Tag habe ich mich wie immer einfach nur auf mein Ziel konzentriert. Ich weiß nicht mehr, der wie vielte Auftrag das schon war. Ein Café am helllichten Tag. Es lief wie immer. Er bestellte Kaffee. Dann streute er sich Zucker rein. Erst einen Löffel, dann zwei, dann drei, dann vier... nach dem fünften Löffel hatte ich plötzlich den Geschmack des Kaffees, den ich sonst immer trank, in meinem Mund. Es sah aus, als würde ihm der Kaffee sehr gut schmecken. In dem Moment ließ ich mein Gewehr los. Das war alles. Wegen sowas konnte ich keine Menschen mehr umbringen.
Einen Menschen umzubringen ist einfach. Man muss nur vergessen, wie der Zucker schmeckt."
Monster von Naoki Urasawa

Dienstag, 30. Juni 2009

Rittlings über dem Grabe geboren

"Irgendeines Tages ist er stumm geworden, eines Tages bin ich blind geworden, eines Tages werden wir taub, eines Tages wurden wir geboren, eines Tages sterben wir, am selben Tag, im selben Augenblick, genügt Ihnen das nicht? Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von neuem die Nacht."

"Habe ich geschlafen, während die anderen litten? Schlafe ich gar in diesem Augenblick? Wenn ich morgen glaube, wach zu werden, was werde ich dann von diesem Tag sagen? Was wird wahr sein von alledem? Rittlings über dem Grabe und eine schwere Geburt. Aus der Tiefe der Grube legt der Totengräber träumerisch die Zange an. Man hat Zeit genug, um alt zu werden. Die Luft ist voll von unseren Schreien. Aber die Gewohnheit ist eine mächtige Sordine. Auch mich, auch mich betrachtet ein anderer, der sich sagt, er schläft, er weiß von nichts, lass ihn schlafen. Ich kann nicht mehr weiter."
Warten auf Godot von Samuel Beckett

Mittwoch, 24. Juni 2009

Schubladendenken


Und dann werden wieder Schubladen gefordert. "Schubladen, Schubladen", brüllen sie auf den Straßen, machen Fackelzüge durch Innenstädte, kloppen auf Trommeln und brüllen: "Schubladen, Schubladen". Zumachbare, geschlossene, solche, in die man bequem Kinderhände quetschen kann, wenn sie nach karieserzeugendem Süßkram langen, die dicken, bereits im Kindergartenalter verbitterten Biester. Menschen halten ja so gerne fest an dieser Schubladenromantik, denken immer "was draufsteht, ist drin" und so. Auch wenn auf der Lade ein Aufkleber mit der Aufschrift "Subkultureller Individualist" klebt, dann kann ein Typ drin sein, der so sehr auf Archivierung steht, dass er selbst zu einer geworden ist. Und in der Lade mit der "bequemen Kleidung", da ist ja auch meistens die Zwangsjacke drin. Ich plädiere hier nochmal für das undramatische Verbrennen von Schubladen. Die Dinger stören Abläufe, das Auf- und Zumachen ist Zeitverlust.
Dirk Bernemann

Mittwoch, 10. Juni 2009

Verwandtschaft des Schreibens mit dem Tod

Die Erzählung wiegt den in Kauf genommenen Tod auf.
Dieses Thema des Erzählens oder des Schreibens, das dazu bestimmt ist, den Tod zu bannen, hat in unserer Kultur eine Metamorphose erfahren.
Das Schreiben ist heute an das Opfer gebunden, sogar an das Opfer des Lebens, an das freiwillige Auslöschen, das in den Büchern nicht dargestellt werden soll, da es sich im Leben des Schriftstellers selbst vollzieht. Das Werk, das die Aufgabe hatte, unsterblich zu machen, hat das Recht erhalten, zu töten, seinen Autor umzubringen.
Die Beziehung des Schreibens zum Tod zeigt sich auch im Verblassen der individuellen Züge des schreibenden Subjekts. Durch alle Barrieren, die das schreibende Objekt zwischen sich und dem, was es schreibt, errichtet, bringt es alle Zeichen seiner individuellen Besonderheit durcheinander. Das Merkmal des Schriftstellers besteht nur noch in der Eigentümlichkeit seiner Abwesenheit. Er muss die Rolle des Toten im Spiel des Schreibens einnehmen.
Michel Foucault